Bad Homburg Streetview, analog

In Bad Homburg gibt es so etwas wie eine Balkonkultur, die mir gefällt, seit dem ich vor 22 Jahren hier her zog. Sehr viele schöne bürgerliche, alte Häuser, nicht nur um den Kurpark herum, haben offene Freiflächen, mit kunstvollen schmiedeeisernen Gittern versehene kleine Bühnen am Haus, ohne einen besonderen Blick, wenn man davon absieht, dass der Blick auf einen der ältesten und schönsten Kurparks Europas trifft.

Diese Kultur hat eine lange Tradition. Seit dem die preussischen Kaiser im Sommer hier her kamen, um dem Mief in Berlin zu entfliehen, stille Laster auszuleben, oder mal einen heißen Reifen durch den Taunus zu fahren, gehört es in den besseren bürgerlichen Kreisen bis heute dazu, einen sichtbaren Platz in der Öffentlichkeit zu haben, von dem aus man sieht und, je nach gesellschaftlichem Stand, auch gesehen werden kann. Wie es in den Häusern innen drin aussieht, geht niemanden etwas an, man kann es bestenfalls erraten, aber die Balkone und Terrassen sind kleine Bühnen der Offenheit, die bespielt werden wollen.

Das klingt vielleicht banal, weil die Balkone in Bad Homburg durchgehend schon, sauber und aufgeräumt sind. Niemand käme hier auf die Idee, hier würde ein fader Open-Air-Sozialporno aufgeführt, wie man das bei den Freiluftmülllagern vermuten kann, die die schlechteren Viertel in deutschen Städten verunzieren, exemplarisch hier: Der Reichshauptslum Berlin am Penzlberg. Das hier sind Balkone, wie Kinder sie zeichnen, mit bunten Topfblumen, kleinen exotischen Früchtebäumen und spielerisch anmutig. Die Balkone und Terrassen sind die kleine Landlust der besseren Bürger, die kleine Gartenlaube im Urbanen, das Nest und darüber der Himmel, in den die Gedanken enteilen. 

Nun sind die Bad Homburger Balkone und Terrassen, von denen hier nur ein ganz kleiner Teil zu sehen ist, fast immer so edel gebaut, dass man sie auch wirklich sehen kann, und sie sind teilweise in einer kunstvollen Art verziert, die weniger den Besitzer als vielmehr den Vorbeigehenden ansprechen soll.

Sie sagen nicht: Nur für Besitzer. Oder: Du hast hier nichts verloren. Oder: Hier her blicken und Fotographieren verboten. Oder: Verschwinde von hier. Sie bitten im Gegenteil darum, beachtet zu werden, angeschaut, mit Blicken anerkennend geschätzt zu werden.

Bad Homburgs kleine Bühnen sind eine Art freundlicher Gruß an Vorbeilaufende, eine Einladung zum Hinschauen, Durchatmen und zu sagen: Ach ja. Wenn ich einmal in Rente bin, dann am liebsten dort oben sitzen, in den Kurpark schauen, und im Winter hinter jugendstilverglasten Scheiben, vor Orangenbäumchen, in der Zeitung die Todesanzeigen der Anderen lesen. Das wäre schon lebenswert. Und am Morgen von oben den Boten vom Brötchen-Service oder den Briefträger  grüssen, und der Nachbarin winken, wenn sie morgens ins Büro wegfährt.

Und dann stelle man sich vor: An diesem stillen Pakt rollt eine Verkehrsbehinderung namens “Opel” vorbei, oben drauf in 3 Meter Höhe Kameras, innen allerlei Stasi-Technik eingebaut, von der nicht mal die Firma Google selbst angeblich wusste, dass damit auch illegal WLAN – Daten abgegriffen und gespeichert wurden. Und in Kalifornien steht irgend wo ein Gebäude mit Glaswänden, meterdickem Beton und vielen Menschen, die davon leben, dass sie anderen Werbung aufdrücken, und um so mehr Geld verdienen, je mehr Flächen sie für die Werbung, für Billig-Pizzas, All-Include-Urlaube und Bankzertifikaten, dafür haben.

Das Bild vom Haus, vom Garten und vom Balkon ist so eine Fläche, und alles, was der Besitzer in die Kommunikation mit der Öffentlichkeit hineingesteckt hat, wird nun zum Lockvogel für die Geschäfte der Firma Google. Der Opel grüsst nicht wie die vorbeilaufende Nachbarin, er lächelt nicht, er rollt und nimmt unterschiedslos alles auf, was da ist. Er hat keinen Respekt, sondern eine Aufgabe. Niemand in Kalifornien hat ein Interesse am Balkon, seinen Orangenbäumchen und Blumenkörben, an den filigranen, schmiedeeisernen Zinnen. Sie haben nur Interesse an der Verwertung und sonst gar nichts.

 

Das ist keine Sache von Analog und Digital, von Internet oder Realität, sondern in erster Linie von Anstand und Respekt, oder besser: Dem vollkommenen Fehlen dieser Tugenden. Die Freiheit der Öffentlichkeit, die sich das Bürgertum über Jahrhunderte in seinen Orten von der Obrigkeit erkämpfen musste – glaube bitte keiner, in der freien Reichshauptstadt Frankfurt hätte sich jeder früher frei bewegen können, dort starbenMenschen für ihre Freiheitsrechte – wurde sicher nicht konzipiert, damit eine kalifornische Firma Opels mit Kameras herumschickt, um diese Öffentlichkeit für sich zu vermarkten.

Ich las kürzlich, die Idee der Öffentlichkeit leitet sich von der Allmende, dem Gedanken des Gemeinschaftsgutes ab, für die aber auch jeder etwas zu tun hat. Was tut die kalifornische Firma Google nochmal für die Öffentlichkeit? Sich in der Allmende wie eine totalitäre Obrigkeit benehmen, war schon früher Anlass für Bürger, zur Mistgabel und zum Hammer zu greifen. Dass nicht alle meine Meinung teilen, ist mir bekannt. Dass man das in Amerika und in versifften Wohnlagen um die Müllplätze Berlins herum und deren Dependance in Frankfurt, Stuttgart, Düsseldorf und anderen großen Städten genau so wenig versteht, wie in hunderten von Blogs und Foren wo der Diskurs um die Freiheit des Internet geführt wird, überrascht mich nicht. Nur sollten sie dann auch nicht von den ablehnenden Reaktionen oder von meterlangen Bettlaken an Balkonen mit “Google – Piss off” überrascht sein (an den meisten, nicht allen).

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18 Gedanken zu “Bad Homburg Streetview, analog

  1. Mich ko… nicht so sehr der Protest gegen SV an. Das ist das gute Recht eines jeden, welches jeder bitte ausüben soll, wie er lustig ist. Viel schlimmer finde ich die Sensationsmasche und Doppelmoral vieler, insbesondere diverser Politiker(innen), die jetzt wild auf Datenschutz machen, bei anderen Themen, wo man sich nicht so schön echauffieren kann, weil es ja nicht um die heilige Gartengrenze geht, aber nur desinteressiert abwinken, weil man das noch weniger versteht, als dieses komsiche StreetView, zum Beispiel behördliche Onlineuntersuchungen, Bankkontoausspähungen und totaler Kameraüberwachung der Städte.

    Das fünfte Fotor von oben, dieses Haus gehörte der Tochter von Karl Wilhelm von Meister, dem Sohn des Gründers der Farbwerke Höchst. Die alte Dame wohnte noch Anfang der 1990er Jahre im obersten Geschoss.

    P.S. Schön, dass mal jemand gelegentlich Themen aufgreift und sie mit unserem ansonsten ganz hübschen Städtchen verbindet.

  2. Gegen das hier

    http://www.zeit.de/zeit-wissen/2006/06/Geomarketing.xml

    ist Street View harmlos. Da kratze ich mich viel mehr am Kopf.

    Die Balkonphotos sind sehr schön. Ansonsten: so sinnlos wie Widerstand gegen die Einführung des Barcodes. Ist mir doch wurscht, wenn sich die Touris auf Street View die Fassade anschauen. Angewackelt kommen sie immer noch auf 2 Beinen und das tun sie auch so, auch ohne Street View.

  3. Na Detlef,

    vielleicht werden diese wunderschönen Häuser auf Deinen Fotos jetzt als Sehenswüdigkeiten in einen Touristenführer f. Bad Homburg aufgenommen, dann werden deren Bewohner aber jede Menge Zuschauer bekommen … kicher.

    Ach ja, heute auch schon eine 20er Runde gedreht? Doppelkicher

  4. Ich finde den Beitrag nur mäßig amüsant und in weiten Teilen ziemlicher peinlich. Mich wundert es nicht, daß Detlef mit Anbiederungen wie “Bürgerlichkeit” Stimmung gegen den “Kommunismus” von Google & Co. macht.

    Die Doppelmoral ist verblüffend. Diejenigen, die am lautesten gegen StreetView wettern sind doch dieselben, die den Dienst am exessivsten nutzen werden, um z.B. neue Bekannte, Motoreninstandsetzer, Bankster usw. zu stalken.

    Ja klar, nur die eigene Hütte will man natürlich nicht dort veröffentlicht sehen.

  5. Jede einem aufgeschwatzte Payback-Card wegen der Bonusprämien für Kundentreue, ist dreimal gefährlicher. Wer denkt, einziger Zweck dieser gönnerhaften Veranstaltungen sei nur die angenommene Kundenbindung der Firmen, ist auf dem Holzweg.
    Das Riesengeschäft lauert jenseits der Vorstellungskraft des “Kundens”, der auf den weiteren Weg seiner Daten keinen Einfluss mehr hat, weil er eben nicht davon in Kenntnis gesetzt wird, wie sich eine ganze Industrie an dem Wissen über seinen Zustands-”Wert” bereichert und Gewinne durch den Vertrieb von konkreten Datenprofilen der Bürger abschöpft.

    Lest mal:

    http://www.heise.de/newsticker/meldung/Datenpanne-bei-Schlecker-Kundendaten-frei-zugaenglich-Update-1067919.html

    Über GSV lamentieren ist in Ordnung, aber Google ist halt kein fetter Anzeigenkunde für die Presse. Über die viel schlimmeren Datenabschöpfungsauswüchse wie hier bei Payback, hört man deshalb so gut wie nichts. Meine ARAL-Karte bleibt jedenfalls stecken.

  6. Man ist einfach sprachlos gegenüber diesen Indiscretions. Noch ein paar Jahre mehr und die Google-Auguste wissen, wie oft man in seiner Behausung gefurzt hat. Bitte verzeihen Sie meine ordinäre Sprache, aber sie ist lediglich dem Anlasse geschuldet. Wird sonst nicht mehr vorkommen. Echt! Ey!

    Meinen Sie nicht, dass Sie Berlin in Ihrem Blöckchen zu oft anfauchen? Berlin kann nichts dafür, dass es in diese Gemengenplage geraten ist, es hat auch wunderschöne Seiten, Preussische Klassik, Fontane, Potsdamer Schlösser, Charlottenburger Schloß, Liebermann, etc. etc. und ganz nebenbei, die echten Berliner selber. Ausserdem weisen eine ganze Menge Villen und Stadthäuser so wie in Bad Homburg jede Menge verzierter Balkons auf incl. entspr. liebevoller Bepflanzung. Schon mal die Königs-Allee entlanggefahren?

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    Edit: Von mir hier her verschoben

  7. Was z.B. bei Google Maps verteufelt wird, das wird um mal ein allseits bekanntes Beispiel zu nenne, beim Kupferstecher und Verleger Matthäus Merian seit 400 Jahren als künstlerische Hochkultur gefeiert.

    Auffallend ist, dass Googles “Stadtrundfahrten” auf doppelmoralistische Weise ganz besonders von solchen Print-Verlegern attackiert werden, die ihre eigenen Bilderheftchen gerne als Kultmedien teuer verkaufen; hat da je einer die Hausbesitzer vorher gefragt, ihnen Geld für die Rechte angeboten, mit den Fotos ihrer Häuser Geld zu verdienen? Siehe Geo Magazin, National Geographic und die heutigen Merian-Hefte, bei deren Anblick mit Werbung vollgestopfter Seiten sich der alte Namensgeber Matthäus im Grabe umdrehen würde.

  8. @ Nachbarn,

    offensichtlich versteht Ihr das Problem nicht, oder wollen es nicht verstehen: Es ist keines des Blicks, sondern eines der Vergleichbarkeit und Verknüpfbarkeit der Daten, und der Art, wie das Ganze pseudohoheitlich vorgenommen wird. Eine 400 Jahre alte Stadtansicht a la Merian hat mit GSV nicht das geringste zu tun. Mit Euerer Argumentation könnte man auch die Schedelsche Weltchronik von 1493 – lange vor Merian – nehmen.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Hartmann_Schedel#Die_Schedelsche_Weltchronik

    Nichts war bis heute mit anderen Daten kombinierbar und keine Stadt dieser Zeit hätte Fremden solche Rechte gegeben. Grade zu den Zeiten, als sich man noch mittels Stadtmauern gegen “Fremde” schützte, war man höchst pingelig, alle Informationen, die man hatte, wurden sauber und strengstens geheim gehalten.

    Entschuldigt, wenn ich es so direkt sage: Euer Kommentar ist aus meiner Sicht, historisch, ein unpassender Vergleich.

  9. Google hat schon vor 3 Jahren Straßen abfotographiert und wir alle wussten es. Die ganzen Entrüstungsstürme gegen Google Streetview wären gar nicht entstanden, wenn sich nicht grade jetzt Politiker mit dem Thema hätten profilieren wollen und die Medien das dann nicht dankbar aufgegriffen hätten. Was haben die denn die ganzen Jahre über geglaubt, Google sei nur eine kostenlose Suchmaschine um irgend was im Netz zu suchen?
    .
    Wenn uns dagegen der Staat mit wesentlich weitreichenderen Konsequenzen zu gläsernen Bürgern macht, ist der Aufschrei komischerweise nicht so groß.

    Guter Vergleich zu Merian und zur Schedelchen Weltchronik.

  10. Dass Google mit Werbung Geld verdient, ist das eine; etwas ganz anderes ist, dass diese Firma heute bereits sehr stark die Realität gestaltet und sie eben nicht nur abbildet – wie man im ersten Moment meinen könnte, wenn man mal das Kerngebiet (Suchmaschine) betrachtet. Die naive Vorstellung ist, dass dort Internetseiten indiziert werden und dadurch besser gefunden werden können. Inzwischen ist aber das Erscheinen eines Suchtreffers unter den ersten 10 auf der ersten Trefferseite oder weiter hinten, oder gar nicht, etwas, das sehr stark darüber entscheidet, ob diese Inhalte überhaupt gefunden werden.

    Also versuchen viele, sich über Tricks weiter nach vorne in den Trefferlisten zu bewegen: Ein ganze Branche von Suchmaschinen-Optimierern lebt inzwischen übrigens davon. Inzwischen “optimieren” die Online-Ausgaben der meisten Zeitungen, Pharamaunternehmen, Automobilhersteller und zehntausende anderer von Produkten und Dienstleistungen anbietenden Firmen dann auch ihre Überschriften, und Artikelschlagworte dahingehend, dass sie bei Google “vorne” – oder überhaupt – auftauchen. “Nur Sprache”, werden jetzt viele sagen, aber auch in so etwas zeigt sich die gestaltende und verändernde Macht solcher totalitären Datengenerierer.

    Und wenn man aus der It-Branche kommt und mal weiß, wie einfach sich Personendaten von großen Direkt-Mailing-Firmen mit den dazugehörigen Bildchen der Häuser “verknüpfen” lassen, dann Prost Mahlzeit.

  11. In ein paar Monaten steht ja wieder die grosse bundesweite “Volksbefragung” auch Zensus genannt an.

    Insbesondere werden alle Hauseigentümer nach ihren Lebens- Einkommens- und sonstigen Umständen befragt.

    Antwort ist Pflicht – Nichtantwort ist mit Strafe bedroht.
    Wozu diese Daten verwendet werden, interessiert keinen dieser Pseudodatenschützer, die hier wegen Google aufschreien

    Gegen das, was unsere Regierung hier veranstaltet, ist Google ein harmloser Dreck für Kleinkinder.

    BMB

  12. Lieber Herr Detlef,
    Leider weiss ich nicht wie ich Sie anreden soll. Wir leben in Christchurch, Neuseeland. Meine Frau möchte hier in einer lokalen Zeitung einen Artikel über die Taunus Therme in Bad Homburg veröffentlichen. Sie hat ein Foto von der Taunustherme, möchte aber auch ein Foto einer schönen Villa von Bad Homburg hinzufügen, damit die Leute sich hier einen besseren Begriff machen können. Der langen Rede kurzer Sinn. Wir fragen an ob meine Frau eines der schönen Villen Bilder auf Ihrer Webseite herunterladen und benützen dürfte. Mit freundlichem Gruß, Anne und Martin Gastinger

  13. Ansichtskarten mit Wohnhäusern gab es in Deutschland so viele,
    Vorzeigeobjekte für Gemeinden, die nichts besseres zu zeigen hatten.
    Fotozensur jetzt ?

  14. Ein klasse Beitrag. Aus der Sicht hatte ich die vielen schoenen Balkone in der Promenade noch nie betrachtet. Dankeschön.

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