Oldtimer-Wertgutachten, nicht das Papier wert

Lest Ihr auch ab und zu so gerne die Oldtimer – Angebote? Dort ist die Welt noch in Ordnung, scheint es. Dort gibt es keinen Rost oder sonstige Gebrechen, stattdessen nur „toprestaurierte“ Oldtimer und solche des “ Zustands 1 bis 2“. Echte Experten wissen, dass die „1 bis 2“ – Oldtimer mit besonderer Vorsicht zu genießen sind. Der Besitzer hat zwar sein Bestes getan, um Zustand 1 vorzutäuschen, das „bis 2“ oder auch “Super Zustand 3″, lässt erahnen, dass ihm dies nicht in allen Bereichen gelang, wie bei jenem Angebot bei Mobile.de

„BMW 502 V8; Einer der wenigen guten Super V8 Zustand 3, Polster neu, neue Bremse Ate, verzinkte Schwellerleisten müssen neu verchromt werden“, 

den ein Enthusiast im Dezember 2003 zum Preis von 14.500 Euro entdeckte, ist beredtes Beispiel: „verzinkte Schwellerleisten müssen neu verchromt werden, bedeutete in diesem Fall, dass eine Fachwerkstatt etwas über ein Jahr nach dem Kauf viel “Löchriges” entdeckte und noch rund 16.000 Euro in Karosserie-reparaturen zu investieren waren, um überhaupt eine für die Fortwährung der Betriebserlaubnis als Oldtimer erforderliche Mindest-Zustandsnote 3 (keine Durchrostungen), überhaupt zu erreichen.

Der “Barockengel” – Käufer ging vor Gericht, denn um auf nummero-sicher zu gehen, dass der angebotene BMW sein Geld wert war, hatte er vor dem Kauf vom Verkäufer ein Wertgutachten von einem Oldtimer-Sachverständigen für das Auto anfertigen lassen. Der Käufer klagte auf Schadensersatz sowohl gegen den Verkäufer als auch gegen den Sachverständigen,  der zuvor  das Gutachten erstellt hatte.

Und jetzt wird‘s für die Glaubensjünger von Würfel – Data richtig interessant: Die Klage hatte keinen Erfolg. Entgegen der Meinung des Käufers, der Verkäufer habe durch die Vorlage des Gutachtens die Garantie für den Zustand und die Beschaffenheit des Autos übernommen – somit auch die Verantwortung für Mängel , stellte sich vor Gericht heraus: Das Gutachten war nicht das Papier wert, auf dem es stand.

Es gilt nicht als Garantieversprechen des Verkäufers, wenn das Gutachten erst auf ausdrücklichen Wunsch des Käufers erstellt und vorgelegt wurde.

“Hätte der Verkäufer das Fahrzeug von vornherein mit einem Bewertungsgutachten im Internet beworben, so hätte er damit kenntlich gemacht, dass er auch für die Richtigkeit des Gutachtens einstehen will.

Da das Gutachten jedoch erst auf den ausdrücklichen Wunsch des Käufers eingeholt wurde, könne daraus nicht gleichzeitig ein Garantieversprechen des Verkäufers gefolgert werden. Auch vom beklagten Gutachter stehe dem Kläger kein Schadensersatz zu: Zum einen wurde das Gutachten aufgrund einer Wertbestimmung erstellt, und nicht zum Zweck einer verbindlichen Zustandsbeschreibung. Nichtsdestotrotz seien sowohl Zustand als auch Wert des Fahrzeugs zum Zeitpunkt der Gutachtenerstellung zutreffend gewesen…“

 so der ebenfalls beklagte Gutachter,

„ein schlechterer Zustand nach dem Kauf beruhe demnach auf der natürlichen Alterung des Fahrzeugs.

also quasi eine Schnelldurchrostung innerhalb von nicht mal zwei Jahren.

Dieser eine Satz “Zum einen wurde das Gutachten aufgrund einer Wertbestimmung erstellt, und nicht zum Zweck einer verbindlichen Zustandsbeschreibung…”, hat’s in sich, denn auch hinsichtlich der Haftung des Gutachters führen die Richter aus:

Allein aus der Erstellung eines mangelhaften Gutachtens kann nicht auf ein vorsätzliches deliktisches Handeln im Sinne eines Betruges (§ 263 StGB, § 823 II BGB) geschlossen werden, ebenso wenig auf leichtfertiges, bedingt vorsätzliches und gewissenloses Handeln (§ 826 BGB, vgl. BGH v. 20.4.2004 aaO).

Die Geschichte klingt für mich wie frei erfunden. “Abgesahnt und die Mücke machen”, brechen damit goldene Zeiten für Verkäufer an? Wofür bezahlen wir eigentlich, wenn wir von angeblichen Sachverständigen ein Gutachten über den Zustand eines Oldtimers und eine entsprechende Wertbestimmung machen lassen?

Wie wahr sind doch die Worte, die ich mal bei einem Autohändler überm Sperrmüllschreibtisch hängen sah: Autokauf ist reine Vertrauenssache!”. Hier kann man’s nachlesen 

 

17 Gedanken zu “Oldtimer-Wertgutachten, nicht das Papier wert

  1. Ein Freibrief für die Branche der Gutachter, die Lizenz zum Geld drucken. Auch die Versicherer werden dieses Urteil freudig für sich nutzen. Mal schauen wie sich Classic-Data rechtfertigt, aber wahrscheinlich schweigen sie einfach nur.
    Grüße
    Thomas

  2. Das ist mit Sicherheit eines der Urteile, über die die Oldtimer-Presse nur unwillig, am besten aber garnicht, berichtet. Wenn schon Gutachten im Streitfall nichts wert sind, dann sagt das qualitativ eine Menge über die sog. “Kurzbewertungen” aus.

    Ich greif mir an den Kopf.

    Mario

  3. “Zum einen wurde das Gutachten aufgrund einer Wertbestimmung erstellt, und nicht zum Zweck einer verbindlichen Zustandsbeschreibung”

    Das ist ja der Hammer. Ich kann also mit meiner Rostlaube zu einem Gutachter gehen und selbst den “Wert bestimmen” den der Gutachter am Ende bestätigen soll. Und kommt das arme Würstchen von Käufer drauf, ist das ganze nicht mal Betrug.

    Wenn’s nicht im Original Urteil nachzulesen wäre, würde ich vom Rechtsempfinden her, die Geschichte auch nicht glauben.

  4. Auch wenn die Rechtsprechung wie wir wissen, von Gericht zu Gericht verschieden ist, so ist doch mal die Sichtweise von Juristen über Oldtimergutachten interessant. Verfallsdatum nicht mal 18 Monate und dann ist so ein Gutachten Makulatur. Und durch nach der Erstellung eines Gutachtens erfolgte “Nutzung” und “Alterung” des Oldtimers, ist ein Gutachten hinsichtlich festgestelltem Zustand und Marktwert etc., offenbar nur am Tag seiner Erstellung gültig.

    Eigentlich logisch, denn bei normalen “Gebrauchten” ist es bekanntlich auch nicht anders.

    Micha

  5. Guten Tag.

    Ich entdecke hier Aufregung, kann die aber nicht verstehen.

    Wieso erregt dieses Urteil vom Juli 2008 jetzt Aufmerksamkeit???

    Was ist so besonderes daran, dass ein auf Wunsch des Käufers, hauptsächlich zur Verwendung von ihm bei der Versicherung des zu erwerbenden Fahrzeuges zu verwendeten und noch dazu von ihm bezahltes Gutachten nicht als Garantieversprechen des Verkäufers angesehen wird.
    Noch dazu, wenn von Seiten der Kaufvertragsparteien NACH Kaufvertrag noch ein ausdrücklicher schriftlicher Gewährleistungsausschluss vereinbart wird.

    Warum ist es so schlimm, dass man auch von dem Käufer eines Oldtimers erwartet, dass er die allgemeinen Gesetze befolgt und im Falle von Mängeln der Kaufsache erst ein mal eine Frist zur Mängelbeseitigung setzt?
    Und dann auch noch die allgemeinen Verjährungsvorschriften beachtet??

    Und was ist so absonderlich daran, dass ein Gericht sich bei seinem Urteil an das Prozeßrecht hält, das die Beweislast regelt, also wer was zu beweisen hat, und dann auch noch so gemein ist, ein “Bauchgefühl” nicht als ausreichenden Beweis ansieht, insbesondere, wenn harte technische Beweismöglichkeiten bestanden?
    Die schon während des Prozesses vor dem Landgericht nicht mehr bestanden, weil ja der Kläger, bevor er vom Verkäufer etwas wollte, erst ein mal alle “Mängel” beseitigen lies und DANN sich gemeldet hat und Geld wollte???

    Also kein Freibrief für irgend jemanden, keine welterschütternde Katastrophe, kein neuer Trend irgendwohin, sondern ganz einfach, man verzeihe mir diese Ausdrucksweise, die Quittung für das dusselige Vorgehen des Käufers und Klägers. Wobei ich selbstverständlich unterstelle, dass es nur und ausschließlich das war. Und nicht etwa, wie auch in dem Urteil angedeutet wurde, Voraussetzung dafür mit der Forderung nach den “Mängelbeseitigungskosten” mehr zu bekommen, als eigentlich gekauft und geschuldet war. Zum Beispiel einen einwandfreien Rahmen statt dem gekauften Rahmen mit Zustand 4. Ich würde so etwas nie unterstellen. Aber aufgetaucht ist das im Prozeß offensichtlich irgendwie. Dieser Gedankengang.

  6. Herr Molgugge,

    Antwort auf Ihre Fragen: Nichts.

    Ändert aber nichts an der Aussage dieses Themas, dass diese “Gutachten” nicht das Papier wert sind.

    Hoffe geholfen zu haben.

  7. Michael, Danke.

    Ohne jetzt ins Detail zu gehen, ich hatte 2007 mal in der Höhle des Löwen meine Zweifel an der Systematik der Classic-Data Bewertungen und Gutachten geäußert, diese auch begründet und eine Diskussion in Gang gesetzt.

    Ich schreibe da in Kürze abschließend mal etwas ziemlich heftiges. Bis dahin könnt Ihr hier noch mal nachlesen – Link funzt nicht, kopieren und ob in Browser eingeben:

    http://forum.oldtimer-info.de/showmessages.afp?!_27211S9WAtempid=&xid=896987

    P.S. Übrigens, Kompliment für Deinen richtig guten Blog. Und wenn Meyer-Brockel dann noch das Foto von dem von ihm organisierten Pagoden-Treffen in Speyer entdeckt, hast Du gleich einen neuen Dauerbesucher…

    :-)

  8. “Im deutschen Sprachraum haben sich die beiden Bewertungssysteme „Classic Data“ und „Olditax“ durchgesetzt. Sie werden aber im internationalen Vergleich mit ihren abgebildeten Marktwerten als zu hoch eingestuft.”

    http://www.kfz-betrieb.vogel.de/gebrauchtwagen/articles/266248/

    So viel zur Qualität von “Gutachten”. Und wir Deppen glauben das und blechenfür im grunde wertloses Papier und hinterher auch noch überhöhte Kaskoprämien. Noch Fragen?

  9. Healey,

    ich kenne den Artikel. Darin wird u. a. der französische „La Cote de l’automobile de collection“ empfohlen, dessen Preise ich m.E. auch für sehr realistisch halte.

    “Auch in den zwei führenden Fachmagazinen „Oldtimer Markt“ und „Motor Klassik“ sind die Fahrzeuge hoch eingestuft. Auffallend ist, dass die Anzeigenteile beider Fachpublikationen in den meisten Fällen moderatere Marktpreise aufrufen.”

    Bingo. Diese Feststellung in dem Artikel sagt alles. Nur, wenn Du die dort ermittelten Marktpreise hier her projezieren würdest, wäre hier keiner mehr bereit, Never come back Money in überteuerte Ersatzteile und Restaurierungen von Autos zu stecken, die alleine auf grund ihres noch viel zu hohen, vorhandenen Fahrzeugbestandes eben nicht selten genug sind, um die relativ geringe Nachfrage nicht zu befriedigen.

    Sarrazynistisch betrachtet, glauben halt die “Dummen”, was in den Listen von Classic-Data steht, so lange bis mal eines Tages doch der erbarmungslose Kaufinteressent vor dem Auto steht. Aber so isses halt. Die anzeigendemütige Oldtimer-Journaille schreibt im Sinne derer, die “geschäftlich” von diesen gepuschten Marktwerten profitieren, andere, teilweise seriöse Zeitungen übernehmen es, nur die Jungs aus der Schrauberabteilung selbst, wie der Kfz-Betrieb, sehen das alles entspannter und realistischer.

    :-)

  10. Die Ösis sind da wohl weiter wie wir. Dort scheint es speziell zertifizierte Oldtimer – Sachverständige zu geben, die auch bei Gericht anerkannt sind.

    http://www.oldtimer-guide.at/infocenter/sachverstaendige.html

    Interessant finde ich, das bei Werten ab 15.000 € in Österreich ein Vollgutachten verlangt wird und die hier bei uns noch längstens akzeptierte Kurzbewertung dort offenbar nicht anerkannt wird. Etwas ähnliches hier, wäre zumindest mal ein kleiner Schritt in die richtige Richtung, um solche Streitfälle wie oben zu vermeiden.

  11. Zitat Michael S:
    Interessant finde ich, das bei Werten ab 15.000 € in Österreich ein Vollgutachten verlangt wird und die hier bei uns noch längstens akzeptierte Kurzbewertung dort offenbar nicht anerkannt wird. Etwas ähnliches hier, wäre zumindest mal ein kleiner Schritt in die richtige Richtung, um solche Streitfälle wie oben zu vermeiden.
    Zitatende

    Sehe ich anders. Ein Kurzgutachten muss ausreichend präzise sein, um den Versicherungswert des Fahrzeugs gerichtsfest zu beschreiben. Mehr will ich nicht, denn ich werde meine Brefe nicht als Sicherheit für ein Darlehen o.ä. verwenden. Bei 3 Autos alle 2-3 Jahre ein Vollgutachten? Neee. das Geld vertanke ich lieber.

  12. Pingback: Rien ne va plus bei 20.000

  13. Pingback: Oldtimer – Verkauf; Kausales – anschaulich

  14. Lieber Herr Kupfer,
    Ihr Beitrag und dazu einige ergoogelte ähnlich kritische Lesermeinungen haben mich in letzter Minute vor einer großen Dummheit bewahrt. Um ein Haar wäre ich auf ein Oldtimerhändler – Angebot und Vollgutachten hereingefallen, was einem Jaguar E-Typ Serie I eine Note 2 bescheinigte. Ein in letzter Minute hinzugezogener und nicht ganz billiger Experte stellte schon nach wenigen Minuten einen früheren, schweren Unfallschaden fest, der mit keiner Silbe, weder im Händlerangebot noch in dem Gutachten erwähnt war und der früher nicht so sachgemäß beseitigt wurde, dass das Auto jemals eine Note 2 hätte bekommen dürfen. Die ganze Geschichte schreib ich einmal auf. Vielen Dank.

  15. Pingback: Wort zum Sonntag: Nutzlosbranche Oldtimer – Sachverständiger | MotorBlöckchen

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