Francofortitis II… Schlupper

Heute Morgen verkleidete ich mich als IAA – Besucher, nach dem ich meine Copilotin an den Bahnhof gebracht hatte, sie besucht unsere Tochter an der Ostseeküste… Bilder alle zum Vergrößern anklicken…

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Mein Hausarzt hätte mir das wahrscheinlich verboten, weil ich die dreissig überschritten habe und nach einem 6 Kilometer Fußmarsch auf den Fuchstanz mit fast 200 Höhenmetern schon mal einen sehr heftigen Schweißausbruach bekomme, und nervöse Zuckungen oder in letzter Zeit  Anzeichen leichter Erregbarkeit gezeigt haben soll, beim Lesen bestimmten Mülls in Internet-Foren. Aber wer will sich unter anderem so was, auch noch vor der Haustüre, entgehen lassen?

IAA Oldtimer

So vor rund 44 Jahren hätte ich gewusst, wo grade ein Loch im Maschendrahtzaun ist, wo man schluppen (von durchschlupfen) kann. Kein Mädchen hätte damals blond genug sein können, keine Mathearbeit am nächsten Tag so bedohlich, dass es uns  mit  dem  Francofortitis – Virus  befallenen Westviertel-Jungs hätte abhalten können, direkt nach dem letzten Glockenschlag in der Schule zu den Träumen des Erwachsenseins zu pilgern.

Die Anstecknadeln der Autofirmen machten uns damals zu Abhängigen von den Nadeln, diese damals noch kleinen Kunstwerke, emalliert, hartvergoldet, was uns zu läuferischen Höchstleistungen antrieb, die im Sport zu einer glatten 2 gereicht hätten, wenn ein nur für trainierten Westviertel-Ohren kaum hörbares Knistern in den Weiten der Autohallen uns verriet, da holt grade eine nette Stand-Hostess frische Nadeln aus den Zellofantütchen. Als Totalversager galt damals, wer morgens auf seinem ausgerollten Steckkissen nicht eine Mindestzahl ganz bestimmter Nadeln vorweisen konnte und was zu tauschen hatte.

Heute gibts nichts mehr zum Rumrennen, Anstecknadeln sind den Sparprogrammen zum Opfer gefallen. Um so schöner, sich mal bei einigen Händlern diese Memorabilien anzuschauen, sich Hinzuknien, wie damals auf dem Schulhof…

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Nach diesem Schwelgen in Jugenerinnerungen machte ich mich auf, selbst zu entdecken, mit welchen Innovationen aus Deutschlands Wirtschaftsfaktor Nr. 1, die Krise beendet werden soll.

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Meine Erkenntnisse kann ich nachstehnd auf wenigen Zeilen zusammenfassen:

4-Litr Autos, 2,9% Finanzierung und eine Menge Tüten mit denen sich Werbematerial in Telfonbuchstärke wegtragen ließe, interessieren keinen mehr…

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Ich kann auf jeden Fall bis zum 100.sten Auto fahren. Zunächst im Glauben, ich stünde vor einem Behinderten-Sondermodell klärte mich ein smarter VW-Berater auf, dies sei die neue Einstieghilfe für “Ältere”…

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Ich kann verstehen, dass die Motor-Journalisten angesichts solcher Ideenlosigkeit, nicht einer echten technischen Innovation auf der ganzen IAA,  die serienreif und morgen zu kaufen wäre, total pissed sind, weil denen gehen in Zeiten, wo nur noch Meldungen über zukunftsrettende Antriebskonzepte zwischen Elektroantrieb, Amper-Autos, Bi-Motoren, Brennstoffzellen und 1-Liter-Sparzielen für stinknormale Ottotomotore, sich ein Stringenz-Wettrennen um Decision-Rates liefern, die Konstanten früherer Zeiten ja gerade schneller verloren als den Kollegen der Politredaktionen zu Zeiten der Perestroika. Ein alter Freund, ehemaliger Studienkollege und seit 35 Jahren beim Doimler, lud mich in die VIP-Lounch ein. Sein Doimler – Chef de Vertrieb, Klaus Maier, hatte grade noch am Mittwoch den neuen SLS-Flügeltürer persönlich vorgestellt, als am nächsten Morgen in der Zeitung zu lesen stand – Daimler – Vertriebschef hat sich vertschüsst.

Hätte der Gute mal meinen Brief von vor 7 Monaten gelesen, säße er heute noch auf seinem Platz. Nach dem er uns vorher mit Werbung für die neue E-Klasse beharkt hatte, antwortete ich zusammengefasst, “er solle doch mal wieder ein Auto ähnlich wie den 124er bauen, keinen Computer auf 4 Rädern…

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sondern so ein einfaches, grund solides und… bezahlbares Auto für Leute wie uns, aus dem guten Bürgerlichen Mittelstand des Westviertels, wie bspw. mit Ölmessstab wie früher statt Ansage “zur Ölmessprüfung muss ihre Auto grade stehen” und 250 kg weniger Elektro-Stellmotoren und 24 Kilometer Kabel… grrrr. Seit Donnerstag ist klar, ich kriege keine Antwort mehr von ihm.

Scheinbar hat niemend mehr den Ehrgeiz und die Fähigkeiten, Autos so zu bauen wie sie Menschen mögen, und genau so wenig Interesse aus der IAA eine interessante und moderne Autoschau zu machen. Diesmal war es die Einfallsloseste, die ich je gesehen habe. Und ich habe mich da eben einigen Autombilbeigeisterten zuliebe, die die wirklich schönen Automobilshows der 60er und 70er Jahre in Frankfurt, Paris, Genf, niemals kennengerlernt haben, die von der vollmundigen Ankündigung  der  V D A – Baragotzkis  dort einmalige Oldtimer zu sehen zu bekommen, und die vielleicht die nächsten Tage auch noch zur IAA gehen, so zurückhaltend ausgedrückt, dass es mich fast zerreist.

Zumindest bei den Italienern wurde ich dann noch für mein Kommen entschädigt. Die wiederauferstandene Marke Abarth ist es echt wert, dort ein Hindernissrennen größeren Ausmaßes  zu erleben, was nicht wenig mit dem unschlagbaren Italia-Stand-Design und den herrlichen alten Filmen zu tun hat…

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und den wirklich goilen kleinen gepeppten Flitzern, die allerdings mal zu fotographieren, durch oder über Wände von Deutschland-sucht-den-geilsten-IAA-Hintern-Paparazzis hindurch, mir einfach nicht gelang…

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Schon reichlich unter Gehbeschwerden leidend, stand ich dann gen Nachmittag vor ihm… ein 600er Jagst… auch noch genau die Farbe des Autos, in das ich mich am 19.08.1968 dank Segen des TÜV und mit nagelneuer Flebbe (umgangssprachlich in Frankfurt – Führerschein), das erste Mal reinsetzte und alleine vom Hof fuhr… von dem ich aber vor lauter Fahrbegeisterung damals vergessen hatte, mal ein Foto zu machen, was ich jetzt, 41 Jahre später, hiermit nachholte, den Spass gönnt Ihr mir bitte…

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Kurz vor dem Nachhausegehen traf ich noch einen alten Freund, einen Ex-HR-Kameramann. heuter Freier. Er lies mich mal einen Blick durch seine Hightec-Mini-Profi-Kamera werfen. “Na, was siehst Du?” fragte er mich. “Spinner, die sich die Füße wegen Autos wundlaufen”, gab ich zurück. “Ja”, sagte er nach einer Weile, “manchmal spiegelt die Optik.” Jetzt eben, wo ich alles für Euch in die Tasten getippt habe, und kurz bevor der Akku leer ist, komme ich drauf, wie er es gemeint hat. Es muss daran liegen, dass er einen alten Strich-8 Diesel fährt und nicht wusste, dass unser Auto auch nur ein Jahr jünger ist, als mein Führerschein.

Zum Schluss noch, kurz vor dem Ausgang sah ich ihn, den jüngsten Ansteckungsfall von Francofortitis…

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na, den wird man bestimmt in zwei Jahren wieder sehen, und in vier Jahren, und in 6 Jahren…

Die Verarschung Vorführung  mit den zu bestaunenden Oldtimern, das wird nochmal bei Gelegenheit eine ganz andere Geschichte.

Mit freundlicher Lichthupe

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13 Gedanken zu “Francofortitis II… Schlupper

  1. Hallo Detlef,
    ich war auch gestern auf der IAA. Mir kam es vor, als wäre ich auf dem Weltkongress der radikalökologischen Weltvereinigung. Trendfarbe bei vielen Herstellern weiß, wie die Unschuld.
    Wenn man bedenkt, dass grade die Hersteller die jetzt hier auf Klimaschutz machen, sich noch vor 2 Jahren massiv gegen Einführung von CO2-Grenzen gewehrt hatten, jahrelang mit gekauften Gutachten die Einführung von Partikelfiltern verhindert haben, gelogen, getäuscht und geschmiert haben und uns jetzt weismachen wollen, wir könnten morgen Autos kaufen, die nur noch 5 Liter Benzin schlucken oder an der Rasenmähersteckdose aufgetankt werden können.
    Du siehst das schon richtig und viele andere auch. Ich meine, für den ersten freien Besuchertag gestern, war da im Vergleich zu früher aber verdammt wenig los.
    Ich habe auch ein paar pinupmässige Antonellas gesehen, die sich an Autos einer Firma räkelten, deren einziger Beitrag zur Automobilgeschichte auf den Namen “Manta” lautete. Mir fiel es schwer zu entscheiden, was da mehr missglückt ist, die Blech-Plastik-Haufen oder die Fleisch-Stoff-Fehlgriffe.
    So gut wie keine Autozubehör-Aussteller mehr, keine Auto-Litheratur mehr wie früher, alles total cool und auf dem Ökotrip. Hätte ich die 15 Euro lieber für ein paar Bierchen in der Fressgasse investiert, hätte ich heute einen Sonnenbrand.
    Die Alt-Schlupper die dort ihre Anstecknadeln verkaufen, habe ich auch gesehen. Wenigstens etwas, was von früher übriggeblieben ist. Schöne Geschichte.
    Jürgen B.
    (Nordendler)

  2. Mensch der Deddi,

    wie finde ich denn das, von einem von früher heute was über ein gemeinsames Hobby lesen zu können? Klasse!

    Kann es sein, dass Du auf Deinem Retro-Bildchen den Sitz nicht weit genug nach hinten verstellt hattest, oder sind nur die Arme in den 41 Jahren etwas kürzer geworden?

    Meine “Copilotin” hat sich gestern Abend schief gelacht. Zu dem Thema werd ich auch noch mal was sagen, aber jetzt gehts erst mal mit dem Jag (E-Typ, Serie I) ne Runde durch den Spessart.

    Als Frankfodder hättest Du statt “Blöckchen” ruhig “Blöksche” titeln können. Mir sinn doch nedd bei de Fischköpp daham.

    Simon

  3. Hallo Detlef,

    ich war auch gestern dort. Schade, hätte man mal einen Date draus machen können. Bei Renault gabs Petit Four, alle in Gelb, ist ja nicht so Deine Lieblingsfarbe, aber geschmeckt haben sie trotzdem.

    Das keine der vielen Hersteller von Autozubehör und bis auf eine Hand voll Ausnahmen nicht mal Autozulieferer dort waren, nimmt der IAA vieles. Früher hat man auch mal ein paar Spezialwerkzeuge entdeckt und mitgenommen.

    Es waren sehr viele weniger Besucher gestern dort, wie früher an den Besuchstagen für nicht Fachpublikum. Ich sehe da auch keinen Sinn, Eintritt plus Nebengeräusche zu zahlen um nur Autos zu begaffen, die ehe schon bei jedem Händler stehen und wo ich meinen Kaffee umsonst kriege und nicht noch 3 Euro für Plastikbecherbrühe zahlen muss. Die paar lieblos hingestellten Oldtimer, dafür aber eine Verkaufsshow von Mechatronik zeigt wie die Veranstalter das Thema Oldtimer in Wirklichkeit sehen.

    Eine richtig gute Story die Du geschrieben hast aus dem wahren Leben.

    Michael

  4. Hallo Herr Kupfer,
    das schreibt nur einer so der selbst geschluppt ist. Prima. Ich stehe auch immer wieder vor diesen Ständen und such dann nach den Nadeln, die ich so wie Sie damals mühsam ergattert hatte.
    Sie haben recht, mit einer Automobilausstellung hat das fast nichts mehr zu tun.
    Günter

  5. Ich gehe seit Jahren nicht mehr zur IAA – aus den genannten Gründen, aber hauptsächlich weil mich neue Autos nicht interessieren, man sieht sie ohnehin bald in den Autohäusern. Schöne Story! Wirklich lesenswert.
    Gruß
    Gerd

  6. Hallo Detlef,

    ich war [noch] nicht auf der IAA, Du hast es schön beschrieben jetzt muss ich nicht mehr hin… DANKE!

    gib weiter Gas…
    Gruß
    Achim

    P.S. Computer auf 4-Rädern würden mir eigentlich gefallen, zum umprogrammieren natürlich ;-)

  7. Pingback: Das Ohr des Atlanten « MotorBlöckchen

  8. Ist ja Klasse. Habe ich eben erst beim Suchen entdeckt.
    Herr Kupfer, ich denke wir sollten uns mal treffen, ich kann Ihnen da was zeigen, da würde die Nadelhändler auf der IAA vor Neid umfallen. So ein Halleninspektor war nämlich auch Anstecknadelsammler und bekam als Respektperson so manches Nädelchen und Werbegeschenk, wo Ihr Buben damals nicht drankamt.
    Harald Frank

  9. Ich suche über Googel eine alte BMW-Anstecknadel als Geschenk und lande hier.

    Eine echt schöne authentische Geschichte, die ganz viele Frankfurter Buben genau so erlebt haben. Was haben die früher vergoldeten, versilberten und mit echter Emaille ausgelegten Anstecknadeln so toll ausgesehen, wenn man dann mal nach Jahren ein halbes hundert zusammengekerschelt und -gebettelt hatte und sie so wie auch auf den Fotos aneinandergreiht auf unkelrotem Samt aufgesteckt waren.

    Ich hab mir diesen interessanten Blog gleich mal gespeichert.

    Helmut D.

  10. Schöner Beitrag, wenn man das gleiche auch erlebt hat, allerdings einige Jährchen später und statt “schluppen” mit von Papa bezahlter Eintrittskarte. Ich bleibe heute auch immer gelegentlich mal stehen, wenn ich die Nadel-Händler sehe. Auf der TC in Essen waren auch ein paar.

    Antonio

  11. Weil ich ein “Nädelchenl” suche habe ich “gegoggelt” und diesen schönen Beitrag gefunden.

    Ich bin auch als “Junge” nicht nur hinter den Nädelchen hergehetzt, sondern hinter jedem Werbegeschenk wo irgend ein Zacken, Stern oder sonst was drauf war. Über so manches Prospekt aus den 70er Jahren wäre ich heute froh, wenn ich es heute noch hätte, wenn ich mir heute die Preise auf Flohmärkten und Auktionsbörsen angucke. Meine fast 600 Nädelchen haben die Zeit bis heute überstanden. Wenn Freunde zu Besuch kommen, werde ich gelegentlich immer mal wieder gebeten, die Nädelchen zu zeigen.

    Bei den Fotos ist mir so manches wieder eingefallen. Danke dafür.

    Wolfgang

  12. Lustig, das bin ja ich da oben im orangem Hemd auf der IAA (5.Bild von oben) :-) Hab es gerade erst gesehen.

    Seit 1975 fröhne ich diesem ansteckenstem Hobby der Welt und habe mich mittlerweile selbstständig gemacht. Das klingt verrückt, aber manchmal hat man im Leben nur wenig Optionen, Hartz IV oder Spass haben. Ich habe die zweite Variante gewählt. Was ich anzubieten habe? Zunächst schaut Euch doch mal mein Angebot an auf ebay unter

    http://stores.ebay.de/pinbox-shop

    Dort habe ich unter dem ebay Namen pinbox einen Shop mit über 8000 Abzeichen (den größten Teil rund um Fahrzeuge, aber auch noch 100 weitere Sammelgebiete).

    Außerdem organisiere ich am 9. und 10. März in Oberursel die 1. Pinbörse Rhein-Main. Endlich mal ein Sammlertreff hier in der Gegend.
    Sagt es weiter und kommt vorbei!

    Informationen findet Ihr unter meiner Website: http://www.pinbox.net

    Ganz wichtig! Wer als Aussteller teilnehmen möchte sollte sich in den nächsten Tagen noch schnell bewerben.

    Wir sehen uns dann
    Eurer Rüdiger – alias pinbox :-)

    .

  13. Pingback: Untergang des Frankfurter Westviertel | MotorBlöckchen

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