Kantgaragen Berlin…

…die Mutter des Parkhaus Hauptwache.

“Der Motor hat von den Städten wahrhaft Besitz ergriffen und das Gesicht der Stadt tief verwandelt”, schrieb 1956 ein Journalist voller Enthusiasmus über Frankfurts erstes Parkhaus. Und der Kulturphilosoph Bazon Brock bezeichnete  das Automobil einmal als “beseelte Materie”. Einleuchtend also, dass ein derart geadeltes Produkt nicht ungeschützt unter freiem Himmel parken sollte.

Der Anspruch auf einen sicheren Platz für den Kraftwagen, vor 80 Jahren ein Statussymbol der besseren bürgerlichen Gesellschaft und der Herrenfahrer, leuchtet im Wort Garage auf, das sich vom französischen “garer” (“schützen”) ableitet. Mal einen Abend gegooglet und ich staunte. Der Einfachheit halber hier mal der “geklaute” Text aus der FAZ Sonntagszeitung vom 01.04.2008 zusammengefasst: 

“Vor 103 Jahren bereits wurden die ersten Großgaragen am Piccadilly Circus (London) und in der Rue Ponthieu (Paris) eröffnet (wenn jemand ähnliche Gebäude in den USA kennt, wäre es prima, dies hier kommentierend reinzuschreiben). Die ersten Großgaragen dienten vor allem als repräsentative Dauerstellplätze von Stadtbürgern und wurden mit Aufzügen erschlossen.

Das gilt für die Vorreiter in Paris und London, aber auch für die Großgarage zur Goldenen Laute in Leipzig (1927), einem ehemaligen Fuhrmannsgasthof, die  Großgarage Süd in Halle, die Kent-Garage in New York mit 24 Geschossen (1928) und den Ersten Wiener Autolift (1958)”.

Die ersten Großgaragen ohne Aufzüge, in denen die Fahrzeuge mit eigener Kraft über Rampen in die Etagen gelangten, entsprachen noch dem Typus des repräsentativen Parkhauses. Ein bekanntes Beispiel ist der 1930 eröffnete Kant-Garagenpalast in Berlin mit gegenläufigen Spiralrampen für Auf- und Abfahrten. Die von Hermann Zweigenthal und Richard Paulick geplanten Kant-Garagen waren das erste Parkhaus der deutschen Hauptstadt und boten 300 Stellplätze auf sieben Geschossen. Heute wird das denkmalgeschützte Ensemble mit Tankstelle und Werkstätten für das Anwohnerparken genutzt.

An der Formensprache und Gebäudearchitektur des Kant-Garagenpalastes orientierten sich 20 Jahre später bis heute die Architekten der ersten bundesdeutschen Parkhäuser. Vorreiter war die 1950 eröffnete Haniel-Garage in Düsseldorf. Architekt Paul Schneider-Esleben schuf eine rundum verglaste, vierstöckige Vitrine für das Automobil mit 700 Stellplätzen. Selbst der Akt des Ein- und Ausfahrens geriet auf den außen an die Fassade gehängten Rampen zur Inszenierung”.

Das Parkhaus Hauptwache eine Kopie der Kantgaragen? Klar, dass nachdem unser Auftraggeber quasi um die Ecke sein Büro hat, ich Nachmittags noch einmal einen Abstecher in die Kantgaragen machte.

In den Räumen mit den kleinen Fenstern waren früher Waschhallen untergebracht, wo die Chauffeure ihre Autos selbst im Winter mit warmem Wasser waschen konnten, oder Autowerkstätten wo Reparaturen durchgeführt wurden…

die schweren, grauen Schiebetore laufen kugelgelagert in Bodenschienen, einwandfrei bis heute…

Ich mache ja seit Jahren kleinere Foto-Essays über alte Autos, morbide, schöne alte Häuser und Industrieruinen. Das eine oder andere stelle ich jetzt mal hier ein. Vielleicht interessiert sich ja jemand dafür. Wer mal etwas in die kulturhistorische Erforschung reinlesen will, findet hier einiges in dem Buch von Jürgen Hasse.

Interssante Links zum Thema:

The Parking Facility

Capital Garage Washington

Galerie – Kant Garagen – Jüdische Architekten

 

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27 Gedanken zu “Kantgaragen Berlin…

  1. Sehr schöner Bericht und Bilder Herr Kupfer.
    Ich habe noch einige sehr alte Zeitungsartikel aus den 1950ern, da sind auch noch Fotos von der Kantgarage mit den alten Autos von damals. Und noch Werbung für den Ponton-Mercedes.
    Weil der Besitzer offenbar die Kantgarage nicht sanieren kann oder will, wird bereits über die Aufhebung des Denkmalschutz und ihren Abriss diskutiert.
    Daher sind Ihre schönen Bilder und Geschichten zu diesem echten Stück automobiler Kulturgeschichte um so willkommener!
    Melden Sie sich mal bei mir, wenn Sie Interesse daran haben, dann dürfen Sie mal in meinem umfangreichen Material stöbern, wenn Sie mal wieder hier sind.
    Lutz D.

  2. Sensationell. Und icke war noch nie mal drin gewesen. Aber das werde ich am Wochenende nachholen.

  3. Tip: Geh unter der Woche hin. Unten ist eine richtige Schrauberbude drin. Wo ich dort war, standen ein paar echte Uralt-Taxis, u.a. ein 108er Benz und ein Citroen DS drin. Und unten bei den beiden Betreibern vorher fragen.

    Und anschliessend ein paar Häuser weiter ins http://www.schwarzescafe-berlin.de/ und erste Foto-Begutachtung. Wahnsinns Torten… Hunger!!!!

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  4. Was man hier alles durch Zufall oder Blick auf die Kommentarübersicht entdeckt.

    Klasse Fotos. Schau ich mir auch mal an, wenn ich wieder dort bin. In der Webseite Lost Places findet man unter “Verkehr” auch so einiges an altem Gemäuer aus den Anfangsjahren des Autos.

  5. Ich habe beim Googeln zufällig Ihren Beitrag entdeckt. Mein Vater und später ich, hatten über 20 Jahre lang zwei Autos in der Kantgarage stehen. Wenn Sie mal wieder dort sind, schauen Sie sich mal die Waschhalle an. Dort gab es damals schon warmes Wasser, damit die Chauffeure die Autos der feinen Herrschaften sauber halten konnten.
    Ihre Fotos gefallen mir echt gut.

  6. Wenn man vorher zufällig diesen Beitrag gelesen hat und dann mal durchläuft, hat so ein bis dahin unbeachtetes Gebäude auf einmal Atmosphäre. Danke für diesen schönen Beitrag und die Fotos.
    Gruß aus Charlottenburg,
    Armin H.

  7. Schau ins Motorblöckchen und du lernst was. Da bin ich seit Jahren einmal im Monat in Berlin fast nebenan in der Fasanenstraße und hatte keinen blassen Dunst.

    Toller Bericht, danke für den Tip.

  8. Ganz starker Beitrag und Fotos. Dem schließe ich mich an. Was Hessen nicht alles entdecken. Die Kantgarage wird bei meinem nächsten Berlin-Trip auf dem Kalender stehen (mit schußbereiter Handycamera).

    Schönes Wochenende.

  9. Pingback: Straßen von Berlin – Kantstraße | Blog@inBerlin.de

  10. Schön, daß die Kantgaragen langsam auch in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden, nicht nur, daß es sich um ein wunderbares Gebäude handelt, es ist auch ein Spiegel der Zeitläufe in Berlin, von einem jüdischen Bauherrn errichtet, durch den deutschen Adel arisiert, in die Hände eines SS-Mannes geraten, nach dem Krieg rückübertragen, Colani hatte angeblich seine Werkstatt darin, Stasi und RAF nutzten das Gebäude und jetzt ein Beispiel dafür, was passiert, wenn ungebildete alt-westberliner Immobilienspekulanten an solche Häuser kommen:
    Der jetzige Besitzer wartet seit Jahren darauf, daß der Denkmalschutz aufgehoben wird und er dort die übliche, beliebige Investoren-Bürohauskiste hinsetzen kann, das Gebäude ist in einem traurigen Zustand und verfällt langsam, irgendwann wird es unrettbar sein.

  11. Grippebedingt hatte ich mich gestern ein wenig hier durchgelesen. Einfach Spitze. Die Besichtigung der Kant Garagen steht für meinen nächsten Berlinbesuch jetzt ganz oben auf der To-Do-Liste.

  12. Hallo Zusammen,

    da habe ich jetzt sehr sehr traurige Nachrichten für alle hier. Es ist vermutlich bald vorbei mit diesem einmaligen Bau. Die Kant-Garage soll abgerissen werden:
    http://www.tagesspiegel.de/berlin/bedrohtes-charlottenburger-baudenkmal-der-abriss-der-kant-garagen-scheint-kaum-verhinderbar/8583242.html

    Die Kantgaragen GmbH (Pepper Immobilien) haben im Juli 2013 einen Abrissantrag bei der dafür zuständigen Unteren Denkmalbehörde gestellt. Und wenn das Landesdenkmalamt dem zustimmt, dann wird die Kant-Garage demnächst nur noch in Fotos zu bewundern sein.

    Herzliche Grüße aus Berlin

    rene

  13. rene,
    ist halt Berlin pur, wo man einen Strauch lieber 20 Jahre ein Baudenkmal zerstören lässt, statt einen Ponader mit Heckenschere drei Minuten auf eine Leiter zu jagen. Andererseits wird auch ein mit viel, viel Geld restauriertes Baudenkmal durch Vermietung kaum rentabler. Hinterher 120 Euro für einen Stellplatz pro Monat? Verhinderte Flügeltürerdeppen kaufen sich lieber das geile Apfelshit 900 Euro – G12, stellen dann unverschämte Ansprüche an Vermieter und treiben sie als mietabzockende Sau durchs Dorf.

  14. rene,

    sollten die Kantgaragen der Spitzhacke zum Opfer fallen, habe ich wenigstens noch ein paar historische Fotodokumente. Ganz ehrlich, ich würde gerne darauf verzichten.

    Danke für den Link.

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  15. Die Kantgaragen sind nun mal ein Zweckbau und würden es auch nach einer kostspieligen Sanierung immer bleiben. Bei einem Beute-Preussen verflüchtigt sich da beim Lesen der Traum vom historischen Ambiente einer Wohnung in Charlottenburg, mit 4 Meter hohen Wänden, Stuckdecken und begrünter Dachterrasse, ganz schnell.

  16. Welcher geschlossene Immobilienfonds macht für die bestenfalls 330 hinterher verglasten Garagenboxen a la Meilenwerk noch einen Prospekt? Abschreibung garantiert, Totalverlustrisiko 98%.

  17. Ja, die Kant-Garage wird auch nach einer denkmalgerechten Sanierung keine Goldgrube werden. Sie wird vermutlich kaum die Kosten wieder einspielen. Das weiß jeder, der in dieser Branche aktiv ist; also auch Pepper. Mit Hoch- und Großgaragen konnte man (wenn man dem Fachverband glaubt) auch in den 1930er Jahren und später hauptsächlich durch den Tankstellen- und Reparaturbetrieb Gewinne erzielen. Das kann man auch sehr schön in den Bauakten der Kant-Garage (Bauaktenarchiv Charlottenburg-Wilmersdorf) nachlesen.
    Die “Wirtschaftlichkeit” eines Baudenkmals wird offensichtlich auch immer wichtiger; zumindest kann man damit Abrisse begründen. Bei Verkehrsbauten scheint sie mittlerweile in Berlin sogar das Hauptkriterium zu sein: die denkmalgeschützte Parkgarage am Zoo (1956/57) wurde 2011 abgerissen und die Holtzendorff-Großgarage (1928) wird zur Zeit zertrümmert. Die historische Bedeutung solcher Bauten scheint dabei eher Nebensache zu sein. Ich habe die internationale Bedeutung der Kant-Garage mal in einem kleinen Artikel für den TSP zusammengefasst:
    http://www.tagesspiegel.de/kultur/abriss-der-kant-garage-ein-palast-der-nach-abgasen-duftet/8575420.html
    Da kann jetzt keiner der Beteiligten mehr sagen, er hätte nicht gewußt was da zerstört wird.
    Herzliche Grüße
    rene

  18. Hardtke,

    Danke für den Link. Klasse. Besonders die Kommentatoren haben inzwischen geschnallt, um was es hier geht. Echt lesenswert und wirklich klasse Fotos obendrauf.

    .

  19. Danke für den FB-Link. Toller Beitrag. Scheint sich zu lohnen, sich im Motorblöckchen einmal intensiv durchzulesen.

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