Der Berg in Oberhallau rief

Spät kommt er, aber er kommt, wie schon 2010 ein Gastbeitrag von Martin Graf (wenn Ihr mal wissen wollt, was er außer Fotographieren sonst so macht, hier) in diesem ansonsten nur von Freudlosigkeit und Debitismus geprägten Blog.

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Üblicherweise ist Oberhallau am Nordrand der Schweiz ein beschauliches Dorf mit gerade einmal 400 Einwohnern. Die meisten von ihnen widmen sich der Landwirtschaft, dem Weinbau oder einer Arbeit dies- oder jenseits der nahegelegenen Landesgrenze zu Deutschland. Aber einmal im Jahr steht der kleine Ort Kopf: Dann kommen die Rennautos…

Jedes Jahr am letzten August-Wochenende nehmen mehr als 200 Rennfahrzeuge unterschiedlichster Couleur samt ihren Piloten das kleine Dorf für mindestens drei Tage in Beschlag, um in diversen Klassen herauszufinden, wer am schnellsten die drei Kilometer lange Strecke vom Dorfrand auf den 157 Meter höher gelegenen Oberhallauerberg schafft – in einer Zeit, die irgendwo zwischen 70 und 120 Sekunden liegt, was Durchschnitts-Geschwindigkeiten zwischen 90 und 150 Kilometern pro Stunde entspricht – wohlgemerkt: Auf einer Art asphaltiertem Feldweg, der erst Tage zuvor vom dorfeigenen Bautrupp mit Leitplanken und Strohballen zur temporären Rennstrecke umgebaut wurde.

Legendär ist die „Tarzankurve“ unmittelbar vor der gleichnamigen Zuschauerzone. Von hier kann man große Teile der Strecke überblicken, die sich zwischen Feldern und Weinstöcken den Berg hinaufschlängelt. Üblicherweise fahren hier nur die Bauern mit dem Traktor auf ihre Felder oder zu ihren Weinbergen – und die Hausfrauen zum Einkaufen oder zum Kaffeekränzchen ins Nachbardorf.

Zu jedem Rennfahrzeug kann man – mindestens – ein Zugfahrzeug, einen Truck oder ein Wohnmobil hinzurechnen. Hinzu kommen Ehe- und Lebenspartner, Mechaniker, freiwillige Helfer – und je nach Wetter zehntausend und mehr Zuschauer. Was in der Summe dazu führt, dass das kleine Dorf am Bergrenn-Wochenende mehr als überfüllt ist. Viele Bauern stellen den Teams nicht nur Betten und Mahlzeiten, sondern auch ihre Scheunen und Grundstücke zur Verfügung. Das improvisierte Fahrerlager umfasst das ganze Dorf und schafft teilweise abenteuerliche Kontraste: Rennfahrzeuge assoziiert man schließlich eher mit Rennstrecken und Boxengassen – und nicht mit Mistwagen oder den Vorgärten von Fachwerkhäusern.

Lange gepflegte Tradition ist der Gottesdienst, der am Morgen des Rennsonntags per Lautsprecher über die ganze Rennstrecke übertragen wird. In dieser Zeit herrscht absolute Motorenruhe. Wer den Feldgottesdienst mitverfolgen will, bleibt einfach da stehen oder sitzen, wo er gerade ist. Wer im Ort wohnt, kann auch einfach das Schlafzimmerfenster aufmachen und im Bett liegenbleiben. Das können auch einige der Teilnehmer: Sie fahren hier mit, weil sie im Dorf geboren sind und den alljährlichen Wahnsinn von Kindesbeinen an kennen. Wer auch nur ein bisschen Benzin im Blut hat, kann sich diesem Reiz kaum entziehen. Wo sonst kann man mit dem eigenen Rennfahrzeug direkt von der heimischen Garage zum Startpunkt am westlichen Dorfrand fahren – und mit ein bisschen Glück mit einem Siegerpokal wieder nach hause?

Bergrennen sind Motorsport für den kleinen Geldbeutel. Natürlich lässt mancher sich diesen Spass trotzdem eine Menge Geld kosten und reist mit einem ehemaligen Tourenwagen-, Formel- oder Rallyefahrzeug an, das bereits eine ruhmreiche Geschichte hat. Andere haben für kleines Geld das ehemalige Familienauto oder ein billig erworbenes Unfallfahrzeug zum Rennauto umgebaut. Aber auch das haut ins Kontor, wenn Papa auf dem Weg zum Oberhallauerberg mal wieder die Kupplung verbrannt, die Maschine überdreht oder gleich das ganze Auto in die Botanik geworfen hat. Was gar nicht so selten vorkommt – denn wirklich trainieren kann man für Bergrennen außerhalb der Rennwochenenden kaum. Zumindest nicht auf legalem Weg.

Überhaupt hat es der Motorsport schwer in der Schweiz: Seit dem Unfall in Le Mans im Jahr 1955, bei dem über 80 Zuschauer zu Tode kamen, sind Rundstreckenrennen in der Schweiz verboten. Das ist angeblich einer der Gründe, warum sich im Alpenstaat so viele Rennfahrer niedergelassen haben: Sie gelten dort sämtlich als arbeitslos und können ihren Beruf nur im Ausland ausüben.

Die Schweizer „Bergrenner“ juckt das nicht; zum einen, weil sie sowieso Amateure sind; zum zweiten, weil eine Mischung aus Gesetzeslücke und Tradition Bergrennen erlaubt. Immerhin 14 dieser Veranstaltungen gibt es pro Jahr in der Schweiz. Allerdings nicht als festen Rennzirkus wie die Formel 1 oder die DTM; jeder nimmt so teil, wie es Zeit und Geld erlauben – und natürlich abhängig davon, ob das eigene Fahrzeug auf den Rädern oder gerade mal wieder in der Werkstatt steht.

Ab Sonntag abend wird alles wieder abgebaut. Die Traktoren und sonstiges bäuerliches Gerät können wieder in ihre Scheunen zurück und die Bewohner wieder ruhig schlafen. Bis zum nächsten Jahr, wenn der Wahnsinn wieder losgeht – wie fast jedes Jahr seit dem Sommer 1922.

Viel Spaß mit meinen Fotos.

Martin Graf

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Fremde Foto – Galerien

www.bergrennen-oberhallau.ch

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