07.09.2012; Kleine Kulturgeschichte der Knöpfe

Die deutsche Journaille räsoniert im Stundentakt über die EU-Wege des Bundesverfassungsgerichts und Katastophenszenarien, wie einst Hiob über die Pläne Gottes und ich frage mich heute, wie lange noch bleibt der Umstand, dass der Italiener das deutsche Tafelsilber längst geklaut hat unentdeckt und die  ungeheuerliche Behauptung, die Dreißig- bis Vierzigjährigen brauchen garnicht mehr mit einer Rente oberhalb der Amutsgrenze zu rechnen, ja man müsse mit 70 Dazuverdienen und in den Bürotürmen der Deutschen Bank putzen, von der Junkerin aus dem Osten, die uns 2008 versprach, “eure Spargroschen sind sicher”, unwidersprochen?

Währenddessen wird der Wärmetauscher und die überholte Benzinpumpe  unserer  Pagode werden wohl erst nächste Woche eingebaut sein und deshalb war ich heute wieder bei den Zuverdienern auf dem Flohmarkt um die Ecke, im Frischezentrum, früher einmal Großmarkthalle genannt, um mich dort nach einem  geeigneten Geschenk für einen guten alten Freund aus Studienzeiten  umzuschauen.

Im Westviertel meiner Heimatstadt kannte man dergleichen Luxus nicht, wie diesen Satz fast 80 Jahre alter, vergoldeter, englischer Sakko – Knöpfe, fast noch brand-new, geschaffen von der London Badge & Button Company, Queensstreet, London, damals für schlausparsame Reiche, zum einfachen Abnehmen und Weiterverwenden hergestellt, wenn edle, handgenähte Sakkos aus der Bondstreet, aus feinstem Kaschmir oder federleichter Cool-Wool, nach 25 Jahren des Tragens etwas dünn an den Ärmeln wurden.

Bei meinen hart arbeitenden Eltern und deren Eltern, setzte die Verbürgerung schon zu einer Zeit lange vor Entstehung dieser Sakko – Knöpfe ein, was heute beim Sohn aus gutem Hause die irrwitzige Folge hatte, dass die Nachfahren der Reichen, die sich solchen Luxus damals schon leisteten und  auf diese Stücke gekommen waren, es heute unter einem Haufen Hip-Ramsch, 2 – 3 Jahre alten Apfeltelefonen die keiner mehr will, Blue-Ray-DVD’s und Sperrmüll aus der Garage, zum Preis einer Tageszeitung an mich verkauften. Weil die Knöpfe alt sind, und weil die jungen Reichen weder den Wert der nicht nur dünn vergoldeten, sondern goldplaquierten  Knöpfe, noch ihre Geschichte der eigenen, schlausparsamen, reichen Eltern kennen. Das war heute so ein zweiminütiger Glücksmoment, wo ich mir das Herunterfeilschen  schenkte.

Die beiden Verkäufer sind jetzt bestimmt zufrieden, lachen vermutlich diebisch über den Deppen, der ihre Knöpfe zum Preis einer Tageszeitung gekauft hat und haben jetzt ein paar Euro für die Anzahlung für das neue Apfel-Hip-Telefon  G5. Und genau so wenig Zukunft.

Wenn ich mal so alt bin wie mein Freund, möchte ich auch solche Knöpfe mit Geschichte von guten Freunden geschenkt bekommen (zur Not tun’s natürlich auch ein paar von Meister Exceptio aus Portugal handgefertigte, silberne  Manschettenknöpfe) und einfach nur zufrieden und unabhängig im Leben sein, wenn ich wie mein Freund,  meine Kaschmir – Sakkos aus besseren 80 – Kilo – Tagen zu Jeans und ewig haltenden Alden Pferdelederschuhen trage, und ich mit meiner Copilotin ja nicht unbedingt wie er, in einen knallgelben, italienischen Roadster der 70er Jahre, mit Pferdeemblem, einsteigen muss  (vielleicht erlaubt er mir ja einmal endlich, ein paar Fotos zu machen und zu zeigen). Wenn ich diese Haarnadelkurve schaffen sollte, wäre schon vieles  erreicht.

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2 Gedanken zu “07.09.2012; Kleine Kulturgeschichte der Knöpfe

  1. Du hast nur Glück gehabt, das keiner der frühaufstehenden mit Lupe und Goldwaage ausgerüsteten Silber und Goldjäscher die Knöpscher entdeckt hatte. Weil Flohmärkte inzwioschen von Silber fast leergefegt sind, kaufen die inzwischen alles, wo der Edelmetallanteil mind. 3 % beträgt.

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