Gregor von Opel und stehengelassenes Kulturgut für Tiefflieger

Vorbei scheinen die Zeiten, da man automobile Vergänglichkeit mit Namen charismatischer Automobilbauer und Vorbeistzer, in den grossen Auktionen anbieten musste, und schon strömten die Herren des Geldes vorbei und rissen die Bietarme hoch. Auch ein netter, älterer Herr und Oldtimersammler, mit dem ich mich am Sonntag bei einem gemeinsamen Glühwein in der Klassikstadt unterhielt, beklagte ein zunehmendes Desinteresse an wirklichen automobilen Raritäten, den echten Kulturgütern, wohin man schaut.

Vorbei scheinen auch die Zeiten, wo Urenkel das vom Großvater ererbte Tafelsilber für ihre Kinder hüteten, damit die es ihren Kindern weitervererben konnten und die Erinnerung am Leben blieb. Im September kam die Opel – Privatsammlung des nach der Pleite seiner Georg von Opel Autohäuser und wie man munkelt, etwas klamm gewordenen Urenkels von Georg von Opel, Gregor von Opel, unter den Hammer.  Da half auch kuschelige Wohnzimmer-atmosphäre mit alten Opels auf den Seidenbrücken  der klammen Wiesbadener Bourgeoisie nichts. Die Auktionsergebnisse sollen ähnlich niederschmetternd gewesen sein, wie bei der wenige Tage später ersten Frankfurter Oldtimer – Auktion.

Dem netten älteren Herren vom Sonntag, unter seinen wirklich vielen Oldtimern findet sich auch eine 280 SL Pagode, erging es mit seinen zwei Oldtimern in der Klassikstadt  genau so, wie  dem Anbieter dieses gut restaurierten 1951er Opel Rekord, für den sich der Anbieter nicht einmal mehr traute,  als Mindestpreis wenigstens die reingesteckten Restaurierungskosten zu fordern. Bieter = 0. Die distinktionsgeilenhechelnden und für mich größtenteils beknallten Pseudo-Oldtimerenthusiasten legen heute halt lieber 8.550,00 Euro für ein Mercedes – Wrack auf den Tisch.

Was wollte ich noch? Ach ja, heute Nachmittag mache ich mit unserer Pagode eine Tour nach Frankfurt, mit einem Freund eine 280 SL 1. Hand – Pagode anschauen, 49.000 Kilometer laut Inspektionsheft, die drittletzte 1971 in Frankfurt ausgelieferte Pagode, ein von einem alten Mercedes-Benz Meister für den im sonnigeren Ausland lebenden 86-jährigen Besitzer seit 15 Jahren jährlich gewartetes und jedes Jahr knapp 150 Kilometer gefahrenes Auto, und noch mit dem Duft des Leders im Innenraum.

Ich fahre heute Mittag dummerweise mit Hardtop und nicht im offenen Roadster unter strahlend blauem Winterhimmel und mit vollaufgedrehter Heizung und hoffe, dass der Luftraum unter den Türmen des Bankenviertels  frei von tieffliegenden Deusch Bankern ist, die hoffentlich vorher wenigstens ihre schönen, mechanischen, schweizer Uhren abgelegt haben.

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12 Gedanken zu “Gregor von Opel und stehengelassenes Kulturgut für Tiefflieger

  1. Ich dachte auch noch bis vor kurzem bei dem Begriff Bank an Seriosität und Solidität der meisten dort Schaffenden. Wenn ich heute tagtäglich die Nachrichten lese, sehe ich nur noch Zinsmanipulation, Hypothekenbetrügereien, Geldwäsche und Steuerhinterziehung. Man wünschte sich, diese Sätze wären eine Polemik.

  2. Hört sich nach einem netten Nachmittagsprogramm an. Sieh zu, dass Du vor dem angekündigten Eisregen wieder heimkommst. Und ansonsten: Wer noch nie einem Staatsanwalt im Büro einen Ordner gegen Quittung ausgehändigt hat, der gehört doch gar nicht dazu ;-)

  3. Wenn schon der Urenkel unwiderbringliche Erbstücke versilbert und auch das Opel Museum nicht in der Lage ist, die paar zehntausend Euro aufzubringen, die die Autos max. gebracht haben, hat man ungefähr eine Vorstellung davon, wie die Hütte in Rüsselsheim brennt. Das Opel – Museum hat den Namen nicht mehr verdient.

  4. Den gestrigen Anblick einer von Polizeiautos umzingelten Deutschen Bank kann man nicht alle Tage genießen. Wenn da mal nicht den aus der Schweiz heraus klugscheissenden Ackermann seine Vergangenheit einholt.

  5. Dass dann mehr als 20 Mannschaftswagen vorfuhren und fünf Hundertschaften teils schwerbewaffneter Polizei Gebäude der Bank durchsuchten werden die Deutsch Banker pr-mäßig beraten, schon bald damit erklären, daß gestern eine neue “Tatort”-Folge gedreht wurde. Angela, an deren Tisch der Ex-Vorstandsvorsitzende Essen durfte, wird doch nichts auf einen der treuesten Großspender für ihre Partei kommen lassen.

  6. Detlef,
    dafür gibt es andere, die die früher vom Vater verkaufte Familienkutsche mit Stern lange suchten, sie für viel Geld zurückkauften und restaurierten, nur um manchmal am Volant genau dort zu sitzen, wo früher der Vater saß. Du kennst ihn gut.

    Klasse geschrieben.

  7. Wenn man Pleite ist muss man eben verkaufen, selbst wenn man einen traditionsreichen Namen trägt. Das zeigt ja nur das Unternehmerqualitäten eben doch nicht vererbt werden. Und wer sich zu lange auf seinen “guten” Namen ausruht doch irgendwann mal untergeht. War schon immer so.

  8. Die Razzia, vor ihren Bürotüren wachende, bewaffnete Polizisten, die Verhaftung von 5 Bankernkollegen und vor allem der völlig veränderte Stil der Berichterstattung in den zeitungen, dürfte bei der Kaste der unberührbaren Anshu Jain Jünger für heftigste Selbstbewußtseinsstörungen gesorgt haben. Gut so.

  9. Wenn Großvater und Vater Opelaner waren und man selbst den Niedergang dieser Traditionsmarke vor der Haustüre erlebt, kann man diesen phantastisch geschriebenen Beitrag nicht zweimal lesen, ohne physische Schmerzen zu erleiden. Das die alten Opel’s aus der Sammlung im Werk versilbert wurden, war mir bis gestern unbekannt.

  10. Zum Glück gibt es heute nicht nur Opel – Erben die das Andenken an die Erschaffer ihres unbeschwerten Lebens in die Tonne treten, sondern auch Enthusiasten wie Dieter Dressel, der seit Monaten in seiner Central Garage und auf seine Rechnung eine echt wundershöne, kleine Opel Oldtimer Ausstellung bietet. Wegen der wechselnden Autos waren wir sogar schon zweimal dort.

    http://www.central-garage.de/

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