1 Teil Öl, 2 Teile Benzin

Die Spaltmaße sind in Deutschland zu einer nationalen Zwangsvorstellung geworden.

Zunächst sind die deutschen Oldtimerbesitzer auf ihre 5 – Schichtlackierung und Verchromung stolz. Ich habe nie ergründen können, aus welchem Grunde  Besitzer eines Autos mit 50 und mehr Jahren Fahrens auf Straßen,  mit ein paar Kratzerchen im nicht mehr hochglänzenden Lack und Chrom, und mit den Spuren ihrer Fahrer im Leder der Sitze, heute nicht fertig werden – wie kann man auf überrestaurierte Autos stolz sein?

Es ist wohl so, dass sich der einzelne als irgend etwas fühlen muß – der soziale Geltungsdrang, an so vielen Stellen abgebremst, zunichte gemacht, findet hier sein Ventil und dringt nach frischem Lack, Leder und Carnaubawax riechend zischend ins Freie. 

Es ist schön und eine Qual, wie gestern über die Retro Classics zu laufen. Autos, die im Neuzustand vor 50 Jahren nicht halbwegs so perfekt die Fabrikationshallen verließen, wie sie dort stehen, Schilder “Bitte nicht berühren” dran, deren Restaurieung eines Mehrfaches ihres Kaufpreises gekostet hat.

Der Deutsche kauft sich meistens keinen Oldtimer um damit Spaß am Herumfahren zu haben. Er fährt damit, um ihn ein Oldtimerleben lang zu perfektionieren, um recht zu haben. Wer dennoch die Illusion von Patina und Rost vermisst, kauft ihn sich für 16,50 in der Holzkiste. Schade, dass es nicht anders geht. Aber teilweise ist sie auch ganz schön unterhaltsam, die bigotte, deutsche Oldtimerszene auf Messen. Einmal pro Jahr reicht so ein Stau. Man fährt den Rest des Jahres am besten um ihn herum.

P.S. Hier habe ich von gestern die Fotochen

Retro Classics 2013 

21 Gedanken zu “1 Teil Öl, 2 Teile Benzin

  1. Die große Masse ist nicht so. Wobei dies aber weniger am nicht vorhandenen Willen als viemehr am dünnen Geldbeutel hängt. Du hast wieder mal ein gutes Auge gehabt.

  2. Fest steht nur, das die Retro Classics seit Jahren schrumpft. Grade einige kleinere Handwerker und Teilehändler sind inzwischen verschwunden und auch in der Halle 1 hat man sich Mühe gegeben, einige vorhandene Lücken zu drappieren.

    Ansonsten Zustimmung.

  3. Wie wär’s denn damit:

    Mein goldener Mittelweg:
    Alte Autos, technisch besser als vom Band, otpisch mit besserer Substanz als vom Band, glänzend und gepflegt.

    Jedes Jahr im Sommer mindestens 10.000 Km autobahnfern und auf Nebenstrassen bewegt.

    Dieses Rezept funktioniert bestens seit 40 Jahren und rund 500.000 Km mit ein und demselben “Oldtimer”.

    Aus diesem Grund muß ich auch nicht frustriert über die Retro schlurfen.

    BMB

  4. Detlef, früher als Neuling begriff ich nicht, warum ich auf meine Frage unter Jaguar – Markenfreunden, wie ich partielle, kleine Rostschäden wegbekomme, keine Antwort bekam. Heute, wo ich die Szene kenne, begreife ich nicht, wie ich glaubte, fragen zu können. Erstklassiger Artikel.

  5. Ich war heute das erste mal seit 4 Jahren wieder dort. Mir ist aufgefallen, dass Mercedes seine Präsenz aufs Minimum heruntergefahren hat. Positiv, daß man jetzt in Halle 1 nicht mehr wie früher erst Slalom um die Mercedes Neuwagenshow herumlaufen muss. Die wenigen alten Benze aber und das in der Heimatstadt dieser Marke, irritieren einem aber schon etwas.

    Die RC in den alten Messehallen am Killesberg war jedenfalls von der Atmosphäre her um Klassen schöner. Alleine die “Franzosenhalle” war einmalig. Heute wirkt das alles kalt und nüchtern.

  6. Hi Amigo,

    für Mercedes hatte Essen schon immer eine höhere Priorität. Ausserdem sagen Gerüchte, dass die Chemie zwischen Veranstalter Herrmann und Entscheidern beim Konzern nicht stimmt – ob das Gerücht zutrifft, kann ich allerdings nicht verifizieren

  7. Vor 25 Jahren habe ich einen 60ziger Jahre Oldi besser wie neu restauriert. Das Auto war nichts weiter als Schrott aus den USA. Heute nach 25 Jahren Fahrbetrieb, Sommer wie Winter, Urlaube ins Ausland, , viele Rallyes und ca. 90T Km auf dem Tacho, hat der Wagen eine selbst “erarbeitete” Patina. Was kann also falsch daran sein ein Auto 100% zu restaurierne und dann zu fahren?

  8. Was haben massenhaft Youngtimer aus den 80er und 90er Jahren wie ein Golf 3 GTI auf Oldtimer !!!- Messe zu suchen? Bei den Intensionen viele kleinere Oldtimerclubs und auch Teileanbieter durch immer horrentere Mieten rauszukriegen, war man offensichtlich sehr erfolgreich. Ich wohne nur 35 Kilometerweg entfernt, kenne die Messe vom ersten Tag an und werde ab jetzt definitiv nicht mehr hingehen.

  9. Moin Detlef.
    Ab und an führe ich mit Haltern die meinen Fahrzeug Typ ihr eigen nennen (…) Gespräche. Ich komme dabei zu der Auffassung. Es ist die nackte Gier, die diesen typus Mensch an treibt. An Stelle von Freude am schönen nur die vermeidliche Gewinnsteigerung zu sehen.
    Diese fallen dann auch auf 15% oder 20% ige Anlageblasen rein.

    Schade eigentlich…

  10. Wir laufen immer ohne Marken-Gedanken über die Retro-Classic und meiden die Hallen mit den “Premium-Restauratoren” (heißt offiziell so). Auch die Preise für die privaten wie professionellen Verkaufsangebote dienen eher zum Amüsement. Und zur Teile- bzw. Automobilia-Suche fahren wir zur Veterama.
    Sehr schön und Status-befreit fand ich ich dieses Jahr die Stände der DKW-Freunde (Rummelplatz) und des Oldtimer-Camping-Clubs.
    Und dieses Jahr habe ich trotz mehrheitlicher Sympathie für englische und französische Bleche erstmals in der Halle für US-Oldtimer viele patinierte, beeindruckende Autos zu (teilweise) realistischen Preisen gesichtet. Das war mir den Besuch wert.
    Ach, und trotz durchgeknallter Preise gab es auch für die Freunde kleinerer Budgets noch einen leidlich guten MGB, umgebautes Gummiboot, für immerhin nur 7500 EUR – allemal besser als die peinlichen Youngtimer auf dem Außengelände.

  11. So, gestern war ich auch noch auf der Retro – die üblichen Hochpreis-Verdächtigen habe ich schnell links liegen gelassen. Wo die Margen so hoch sind, dass man 9 Mio. Steuern hinterzeihen kann, ohne dass dem Finanzamt etwas auffällt (also noch genug versteuert wurde), kann ich mich als jemand, dessen Stundensätze seit 2000 nicht gestiegen sind, einfach nicht wohlfühlen…

    Vorbemerkung: Obwohl ich hart daran arbeite, scheinen sich meine schwäbischen Gene doch immer wieder durchzusetzen. Aus diesem Grund mache ich um Klassiker im Zustand 1 und 2 einen Bogen – ich würde sie einfach nicht benutzen. Mein 230 C, den ich 1995 mit originalen und nachgewiesenen 62.000 km gekauft habe hat mich gelehrt, dass es für mich keinen Sinn macht, wenn man nach 8 Jahren mit Panik die 6-stellige Kilometer-Anzeige auf sich zukommen sieht. Für mich kommt folglich nur infrage, was diese Schallmauer bereits deutlich hinter sich hat.

    Ich habe also viel Zeit in den Hallen mit den höheren Nummern verbracht. Mein erster Eindruck: Schlechte Zeiten für ‘Garagengold’-Spekulanten.
    Die Mehrzahl der Fahrzeuge in Halle 6 (kleine Händler ohne ‘Prestige’) empfand ich als sehr realistisch ausgepreist – von Wertsteigerungen oder Messeaufschlägen habe ich nichts entdecken können. Alpine A 110 (zugegeben von FASA) 47.000 € Mehrere W 111 Coupés bis hin zum 3.5 im Segment zwischen 20 und 25 k€, ein W 111 Cabrio für 57 k€.
    Was mich ebenso erstaunt hat, waren die wenigen ‘verkauft’ Schilder and den Fahrzeugen – und das am späten Sonntagnachmittag.
    Der Anbieter eines 911er G-Modell US Import mit zugegebenermaßen bedenklichen Spaltmaßen an der Fahrertür für 22 k€ hat sehr aufmerksam jeden Betrachter (sehr freundlich) angesprochen und hätte mit Sicherheit auch noch einen deutlichen Preisnachlass gewährt.
    Eine Gruppe Italiener (u.a. mit dem oben erwähnten A110) hatte eine bunte Kollektion dabei und an fast allen Autos die Preise mit dem Rotstift korrigiert.

    Gefühltermaßen dominierte die Horde 911 das Angebot. Fahrzeuge, die meinem Beuteschema entsprechen würden (siehe oben) lagen im Bereich um die 30 k€ – und da kann ich keinerlei ‘Wertsteigerung’ erkennen.

    Pagoden habe ich nur sehr oberflächlich betrachtet – hab ja eine und möchte keine zweite. Aber eins ist mir dennoch aufgefallen. An jeder, aber auch an jeder waren auf den Innenseite der Scheinwerferblende dicke Fettfingerspuren. Die Zahl der ‘Sickensucher’ auf der Retro scheint also in die Tausende zu gehen 

    Ich wünsche Euch allen einen schönen Start in die Saison und dass Ihr eure Autos auch benutzt – es heisst Automobil und nicht Immobile.

    Gruß

    Uli

  12. @Caprisonne
    Zitat: “Was haben massenhaft Youngtimer aus den 80er und 90er Jahren wie ein Golf 3 GTI auf Oldtimer !!!- Messe zu suchen? ” Zitatende

    Ganz einfach, die gehören da hin. Für die nachwachsende Generation sind das eben schon ‘Klassiker’.

    Zur Erinnerung: Titelstory der ersten Ausgabe der Motor Klassik (1983) waren 300 SL, Porsche 356 Carrera und Jaguar E-Type. Keines des Fahrzeuge war damals 30 Jahre alt und der E-Type gerade mal 10 Jahre vom Markt.

    Von Max Gerrit von Pein ist der Ausspruch überliefert: ‘Mit Ausnahme vom 300 SL sind Nachkriegsautos doch bloss Gebrauchtwagen’.

    Woran merkt man, dass man alt wird? Wenn jüngere bei einem vertrauten ‘Alltagsgesgenständen’ ausrufen: “Boh, das ist ja voll antik!” Alles also eine Frage der Sichtweise.

  13. Der Beweis für das, was Du im 2. Absatz über das Psychogramm von Besitzern überrestaurierter Autos geschrieben hattest, war die monatelang in der Pagodenszene angepriesene Messeattraktion, die Pagode Nr. 1 auf dem Clubstand. Wer seine Sinne zusammen hat, tut ein solches traditionsbehaftetes Auto nicht so verändern und völlig verunstalten. Das hat mit Oldtimerei nicht mehr das geringste zu tun.

  14. “Alles also eine Frage der Sichtweise”

    Uli,

    keine Frage der Sichtweise, sondern des Stils, was wiederum und zwar ganz erheblich, mit Bildung zu tun hat.

    .

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