Philipp Reitz, oder wie ich lernte, den Pinnaduo zu lieben

Unbenannt - 0

Ich hatte so viel Glück beim Studium. Ich Bruder Leichtfuß, der Kaviar-Marxist wie mich einige Spackos nannten, brauchte nichts auslassen. Ich habe nicht nachgedacht und trotzdem das Richtige getan: ich habe nichts versäumt, und in mir wird sich immer im Kopfkino der Vorhang zu den echten, alten Freuden heben, wie Norbert B., dem besten Freund von Kindesbeinen an bis heute, und den vielen Jahren, wo der condagrüne  Porsche 914/6 nach Frankfurt oder Wiesbaden in den Sonnenuntergang fuhr und alles erfüllt war von Hüttenbar, Parkcafe, St. Germain, Big Apple und Imperial, nicht selten alles in einer einzigen Nacht. Es war eine tolle Zeit.

Ja, die Erinnerungen. Was ist davon übriggeblieben? Sich verlierende Freundschaften, menschliche Tragödien bei ehemaligen Studienfreunden, der Rechtsanwaltsohn der mit 18 Vater wurde, nach Amerika ging und seinen Sohn und Enkel bis heute kein einziges Mal sah, der andere, in dessen Firma für Exoten-Reparaturen und -Verkauf, an einigen Autos etwas nicht mit den Fahrgestellnummern stimmte und der es vorzog, fortan in der Dominikanischen Republik alte Peugeots auf Vordermann zu bringen, einer mein Todfeind, der mich in den 90ern um Haus und Hof brachte, und andere die sich so wie ich an diese tolle Zeit erinnern und mir nach so vielen Jahren einen Artikel über den Strömungsingenieur Philipp Reitz und sein Polytechnikum schicken, der 1958 den Pinnaduo Stromlinienwagen in seiner Halle in Frankfurt – Hausen konstruierte und baute (Foto 1und Foto 2) und als Anerkennung dafür, die Genehmigung für ein privates Polytechnikum erhielt, das Auto, in dem ich 1972 als angehender Ingenieur drinsaß und den ich jetzt nach so vielen, vielen Jahren das erste Mal wiedersehen konnte.

Es lässt mich nie ganz kalt, wenn ich solche Geschichten lese und Bilder sehe, von denen ich ein Teil war, von dem 600er – Wrack, in dem Philipp bei einem Unfall fast verbrannte und den ich mit Freunden wer weiß wie oft in der Maschinenhalle hin und herschieben musste, weil er wieder irgend einen aus einer Scheune geretteten Stromlinien-Oldie unterbringen musste. Meine Wehmut hält sich deshalb heute in Grenzen, wenn ich lese, dass all die schönen Autos verschwunden sind, ja, bis auf den Pinnaduo: “Gute Zeiten schlechte Zeiten”

..

9 Gedanken zu “Philipp Reitz, oder wie ich lernte, den Pinnaduo zu lieben

  1. Weil es ja nur ein Forschungsprojekt war, seien Deinem Lehrherren die Ponton – Rückleuchten verziehen.

  2. Ich habe eher zufällig gestern Abend gegoogelt und dachte plötzlich mich trifft der Schlag. Auf einmal waren alle über 40 Jahre lang verlorenen Erinnerungen an die Studienzeit bei “Philippo” wieder da. Auch an den Pinnaduo. Ganz herzlichen dank für diesen Beitrag und vor allem den alten Zeitungsartikel. Der Rest steht in meiner E-mail.

  3. An Detlev und Wolfgang

    Auch ich habe beim googeln (fast) zufällig den Beitrag gefunden. Ich wollte meiner Schwester mal zeigen, dass Fotos des Pinnaduo im i-net zu finden sind und bin dabei auf den Beitrag gestoßen. Mich hat auch fast der Schlag getroffen, denn der Wagen ist in meinem Besitz und ich bin nun hoch erfreut, dass ich durch Zufall auf mindestens zwei Leute gestoßen bin, die das Auto noch in Frankfurt höchstpersönlich gesehen haben, bzw. sogar darin saßen.
    Ich wohne in Nordhessen und würde mich sehr freuen, die Menschen kennen zu lernen, die Philipp noch persönlich erlebt haben, was ich leider nicht mehr hinbekommen habe.
    Allerdings habe ich sehr, sehr viel Material über ihn und seine Geschichte.
    Vielleicht lässt sich ja mal ein Treffen hier beim Pinnaduo organisieren. Er ist teilrestauriert und soll dann demnächst auch fertiggestellt werden, weil ich jetzt wieder richtig Feuer gefangen habe.
    Vielen Dank für den tollen Beitrag. Den “tiefergelegten” 300er aus dem Zeitungsbericht habe ich übrigens noch nach seiner Bergung gesehen und er wurde wieder zum Laufen gebracht. So weit ich mich erinnere, funktionierte die Luftfederung zu meinem großen Erstaunen auch noch.
    Er wurde dann nach Berlin verkauft, mehr weiß ich aber leider auch nicht. Ich hatte nur den Pinnaduo und einen LTE-Brilliant erworben. Allerdings nicht vom Grundstück geplündert, sondern ganz offiziell mit Kaufvertrag.

    Nun hoffe ich, dass noch mehr über Philipps Geschichte an´s Tageslicht kommt.

  4. Ja, der Pinnaduo war fahrbereit, denn er ist auf eigener Achse damals von Kaiserslautern nach Frankfurt gefahren. Die Karrosserie-Meister-Schule Kaiserslautern hatte den Aufbau nach Philipps Entwurf gefertigt. Danach hat er noch einige Testfahrten auf der Autobahn Frankfurt-Heidelberg erfolgreich absolviert, bevor Philipp vom nächsten Projekt abgelenkt wurde und der Pinnaduo einer seiner zahlreichen Immobilien verschwand.
    Nachdem wir ihn dann hier mit desolaten Reifen und festen Bremsen per Hänger zu mir verbracht hatten, wurden die Brennräume des Motors mit Ballistol geflutet und nach ein paar Umdrehungen ohne Kerzen mit Benzinkännchen die ersten Lebenszeichen nach rund 40 Jahren Stillstand hörbar und sichtbar.
    Inzwischen ist der Motor komplett revidiert und ist auch schon wieder gelaufen, allerdings momentan mangels noch nicht wieder montiertem Tank und noch fehlender Verbindungen vom “Cockpit” nach hinten aktuell nicht fahrbereit. Aber Dank des tollen Berichts ganz oben, werde ich nach langer Pause die Sache jetzt wieder in Angriff nehmen.

  5. Hallo. Wo steht dieses besagte Auto aktuell und könnte man es eventuell mal anschauen? Die Welt ist klein, sehr gute Bekannte waren mit Philipp verwandt. Also groß Cousin! Kenne selber nur flüchtig Geschichten über ihn, auch was er an Autos und Häuser hatte. Auch ein Pullmann und 300er waren in seinem Besitz. Haus in Florida… Wäre schön wenn ich seinem Groß Cousin mal eine Freude machen könnte und er sich anschauen könnte was er damals so gemacht hat.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>