Schwäbische Maultaschen, Antifaschismus und der Stern

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Bis vor zwei Jahren besuchte ich Abends, wenn Ruhe einkehrte, der Tee und gelegentlich ein Reststückchen Kuchen vor mir stand, einen Blog: „Dr.Zett „new“ Daimler “old” failures“.

Anfang dieses Jahres war der Blog von hier auf jetzt spurlos verschwunden und mit ihm höchst aufschlussreiche, oft brisante Nachrichten Inside – Daimler Benz AG, die so hintergründig dezidiert mich darauf schließen ließen, dass hier ein ziemlich dicht in an den oberen Etagen Quellen sitzender Whistleblower aus Bullshit-Castle schrub. Ich würde heute nicht die Hand ins Feuer legen, dass hier nicht im Auftrag der Daimler – Baragotzkis Reinraumspezialisten zur Wiederherstellung der Reputation “aktiv” waren oder das hier nicht eine NSA – reife Spitzelaktiowie wie grade in der Schweiz ablief. Nur hoffentlich nicht mit den gleichen Folgen für die Schreiber.

Die ARD sendet morgen, am 23. September um 23:30 Uhr, eine Reportage über die ermordeten Betriebsräte von Daimler Benz in Argentinien.

Wer bei mir reinliest, weiß, dass mich das Thema beschäftigt und es eigentlich seit vielen Jahren ein Thema der Journalistin Gaby Weber ist.:

“Im Namen des Republikanischen Anwaltsvereins erstattete Rechtsanwalt Wolfgang Kaleck 1999 Anzeige u.a. gegen MBA-Produktionschef Juan Ronaldo Tasselkraut wegen Beihilfe zum Mord an den Betriebsräten. Nach mehreren Jahren stellte die Staatsanwaltschaft Nürnberg das Verfahren ein, weil in ihren Augen nicht nachgewiesen wurden, daß die Verschwundenen wirklich tot seien und nicht irgendwann wieder auftauchen. Und das Oberlandesgericht Karlsruhe urteilte, daß das zivile Schadensersatz-Verfahren gegen Daimler in den USA die Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland gefährde und daß deshalb der deutsche Gerichtsvollzieher dem Unternehmen in Untertürkheim die Klageschrift nicht zustellen dürfe…”

Sie hat darüber 2003 einen Film produziert, den sie natürlich auch versucht hat, dem deutschen Fernsehen zu verkaufen. Ist das jetzt eine Reportage von Gaby Weber? Jein. Nein, er ist nicht von Gaby Weber. Ja, er basiert auf über 10-jähriger investigativer Recherche von Gaby Weber. Aber offenbar war ihre Version den von abgewählten, abhalfterten Politikern durchsetzten Fernsehgremien zu dicht an der ungeheueren Wahrheit dran Daimler-kritisch…

“…wie während der Militärdiktatur Gewerkschafter von Mercedes Benz Argentina nachts aus ihren Wohnungen entführt, in Folterzentren verschleppt und ermordet wurden und wie ich die Überlebenden gefunden habe. Zu den Violin-Variationen des “Dreizackmarsches” (1928) erzählen die Opfer und die Manager, die ich dem Wahrheitstribunal als Zeugen benannt habe, etwa den Folterer und Kindesräuber Rubén Lavallén, Sicherheitschef bei Mercedes. Die Firma hat, so der damalige Justiziar, medizinische Geräte für Frühgeburten an das Militärhospital Campo de Mayo geliefert. Dort mussten schwangere Gefangene ihre Kinder zur Welt bringen, bevor sie ermordet wurden. Fünf dieser Babys sind nachweislich oder mit hoher Wahrscheinlichkeit bei Mercedes-Managern gelandet…”

und so hat der WDR lieber eine eigene Reportage drehen lassen und sendet die am 23.09. aus, einen Tag nach Ende der IAA. Die merzedessstern-verblendeten Zuschauer könnte ja sonst aus ihrer Bewunderungsstarre über die beste S-Klasse-Limousine der Welt fallen. Zum Glück gibt es jetzt auch eine Online – Version von Gaby Weber’s original Film “Es gibt keine Wunder”. Gabi Weber hat dazu kurz etwas geschrieben.

Ich tendiere dieser Tage, so ganz gegen mein Naturell, immer mehr zum Biedermeiern und Augen-zu-und-durch. Man kann sich ja gar nicht mehr jeden Dreck reinziehen, und man hat angesichts solch ungeheuer Vorwürfe überhaupt nicht die Kraftreserven, sich täglich über die Vollverar…… unfassbaren Nummern, die einen wie hier bspw. “Wachstum um jeden Preis ist keine Option für Daimler. Das bezieht sich auch auf die Art und Weise, wie wir Geschäfte machen. Hier gilt: Integrität ist das oberste Gebot für unser Handeln. Was wir konkret darunter verstehen, haben wir im vergangenen Jahr in unserer neuen Verhaltensrichtlinie definiert…”,  ohne Unterlaß derart dreist vorgesetzt werden, noch zu erregen.

Mit genau solchen Phrasen, wie “Fair statt Share” oder neuem Wertekodex derer sich heute auch andere einschlägige Pappenheimer bedienen, soll letztlich nicht die Vergangenheit aufgearbeitet, sondern als abgeschlossen deklariert werden. Theodor W. Adorno drückte das 1959 noch so aus:

“Mit Aufarbeitung der Vergangenheit ist in jenem Sprachgebrauch nicht gemeint, daß man das Vergangene im Ernst verarbeite, seinen Bann breche durch helles Bewußtsein. Sondern man will einen Schlußstrich darunter ziehen und womöglich es selbst aus der Erinnerung wegwischen. Der Gestus, es solle alles vergessen und vergeben sein, der demjenigen anstünde, dem Unrecht widerfuhr, wird von den Parteigängern derer praktiziert, die es begingen.”

Deshalb bin jetzt doch sehr gespannt, wer von den einschlägigen Mercedes-Blogscheiber die E… in der Hose “ein helles Bewusstsein” hat, seinen Lesern am Montag Abend wenigstens 5 Minuten vor Sendebeginn, einen Hinweis auf die WDR – Reportage mitzuteilen oder diesen Beitrag zu verlinken. Diskutiert werden wird die Rolle von Daimler Benz, ob Zetsche & Merkel – Junta das passt oder nicht, wenn nicht dort, dann anderswo. Meinetwegen darf das Nachdenken auch erst am Dienstag beginnen.

Also, morgen Abend bei der ARD dürft Ihr in der ersten Reihe sitzen.

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11 Gedanken zu “Schwäbische Maultaschen, Antifaschismus und der Stern

  1. Dein Beitrag hats aber in sich. Ich würde keine Wette darauf abschließen, daß die mercedesabhängigen Blogger einen Sendehinweis geben, geschweige denn Diskussionen zulassen. Bestenfalls “Kommentarfunktion gesperrt”. Danke für den Hinweis.

    ________________________________________
    Edit: Hierhin verschoben

  2. Starker Tobak. Vor allem dann, wenn sich die Vorwürfe vor einem immerhin der höchsten Gerichte der USA bestätigen sollten. Auf Grund der juristischen Winkelzüge von Daimler, die Zustellung der US-Klageschrift zu verhindern, spricht dafür.

    Auch Dankeschön für diesen Link. Ein ganz starker und mutiger Beitrag.

    Ich gehe jetzt mal schnell meine staatsbürgerliche Pflicht erfüllen

  3. Programmänderung aus aktuellem Anlass: die ARD sendet am 23.09.2013 um 23:30 Uhr den Fernsehfilm “Schenk mir Dein Herz” aus dem Jahr 2010 anläßlich des Todes von Paul Kuhn, in dem er zusammen mit Peter Lohmeyer die Hauptrolle spielte.
    http://www.presseportal.de/meldung/2562033/t

    Neuer Sendetermin der Reportage “Mercedes-Benz-Argentina: Ein Konzern und seine Verantwortung” bei tagesschau24 am Donnerstag, 03.10.13 | 18:45 – 19:30 (45 Min.).
    http://programm.ard.de/Programm/Sender?list=themenschwerpunkt&sendung=2872110772364823&first=1#top

    http://de.labournet.tv/video/6126/wunder-gibt-es-nicht

  4. Detlef, ich bin da Deiner Meinung. Jedenfalls in dieser Sache. Wenn Daimler dabei die Finger drin hatte, gehören Zetsche und Konsorten alleine für ihre Versuche, die Klage zu verhindern, hinter Gitter.

  5. Alterschwede,

    danke. Scheint auf Grund des großen Interesses wirklich in die Knie gegangen zu sein. Mal sehen, wie lang das Filmchen bei Gurgel zu sehen sein wird. AdSense und so…

    :-)

    .

  6. Wenn bei dem Verfahren in den USA an Daimler etwas hängen bleibt, dürfte das grade im puritanischen Amerika dramatische Folgen für die Verkaufszahlen haben.

  7. Asche auf mein Haupt, Detlef. Heute Morgen gings hier plötzlich auf allen Leitungen ab und ich hab wohl einen Link reingesetzt, den ich mir für meine Merkliste kopiert hatte, weil ich auch noch bei “Einsichten” was schreiben wollte. Mach ich später.

  8. Pingback: Kein “Like it” für Volker Siegert | MotorBlöckchen

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