Raubkunst 2.0

13.11.25 Ernst_Ludwig_Kirchner_Brandenburger_Tor

Es ist so eine ganz bestimmte Haltung, die mich wütend macht, nach dem ich letzten Sonntag der Jauch – Phrasenrunde zugehört habe. Metaphern haben die Eigenschaft, Vorstellungen evozieren zu können. Ein bildhaftes Jauch – Wort – wie vom “Milliardenschatz” – und schon wächst die zugehörige ‘Weltanschauung’ in den Köpfen unwillkürlich heran und beschwört eine krude Vorstellungswelt.

“Nach dem Anschluss Österreichs am 12. März 1938 wurden binnen weniger Tage gezielt die bekannten Kunstsammlungen beschlagnahmt…”  “Adolf Hitler sicherte sich den ersten Zugriff auf die hochwertigen Kunstschätze und Altmeister-Gemälde unter anderem der Sammlung Louis Rothschilds…”  ” Louis Rothschild selbst wurde am 14. März 1938 in Haft genommen und erst nachdem er einer Vereinbarung zur Übergabe seines Eigentums an das Deutsche Reich zugestimmt hatte, nach über einem Jahr entlassen…”

1929 Festspielauffahrt - Georg Jung{Georg Jung; 1926; “Festspielauffahrt”]

Geschichte wiederholt sich nicht, aber die Geschichten und das Verhalten der Dreisten…

“…Dass die (geschäftsführende) Bundesjustizministerin allen Ernstes einen politischen Deal mit Cornelius Gurlitt vorschlägt, ihm den Verzicht auf seine Rechte gegen Einstellung des Strafverfahrens anbieten will, das ist obszön…”

Ein dazu aus meiner Sicht längst überfälliger Artikel in der FAZ

 

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15 Gedanken zu “Raubkunst 2.0

  1. Dein geschichtlicher Vergleich und der FAZ – Artikel sind punktgenaue Landungen auf diesem politischen Scheisshaufen. Sahne.

  2. Man hätte die Kirche wirklich im Dorf lassen können. Dass Gurlitts Bilder heute hunderte von Millionen wert sind, war zum Zeitpunkt ihres Erwerbs nicht abzusehen und ist kein Beweis für “Raubkunst”. Aber natürlich stehen gleich die Moralisten Gewehr bei Fuss und behaupten, da könne es ja gar nicht mit rechten Dingen zugegangen sein – obwohl bis heute, etwa zwei Jahre nach der illegitimen Beschlagnahme der Kunstwerke – nicht einmal in einem einzigen Fall belegt werden konnte, dass der kleine alte Mann nicht der legitime Eigentümer der Kunstwerke ist.

    Meine Grosseltern haben während des 2. Weltkrieges eine Zeit lang Otto Dix beherbergt. Kohle hatte er keine; arbeiten durfte er als “Entarteter” auch nicht; seine Bilder waren nichts wert. Trotzdem hat er sich mit Bildern revanchiert, meine Mutter und ihre Geschwister vielfach gezeichnet und gemalt und auch zahlreiche andere Bilder dort gelassen. Preisfrage: Hat man Dix und seine damalige Notlage ausgenutzt? Könnte jetzt irgendwer um die Ecke kommen und Eigentumsrechte an irgendwelchen Kunstwerken reklamieren?

    Aktuell kann man Gurlitt gar nicht wünschen, dass er seine Bilder zurückbekommt: Das wäre nach der Öffentlichmachung seines Kunstschatzes gleichbedeutend mit einem Todesurteil – oder mit einem Leben in einem Hochsicherheitstrakt, den er erst einmal bauen müsste. Der deutsche Staat sollte eine Gurlitt-Stiftung und ein Museum einrichten – analog zum “Museum der Phantasie” von Lothar Günter Buchheim am Starnberger See – dem alten Herrn ein Bundesverdienstkreuz umhängen und ihm eine Rente bezahlen, von der er auskömmlich leben kann.

  3. TractionAvant… Martin,

    “Stiftung”?, dazu bedürfte es aber erstmal der Zustimmung von Herrn Gurlitt. Denke nur mal an die Schlumpf – Brüder Ende der 70er und die Umstände der Entstehung des Schlumpf – Museums, von deren Autos Du grade ein paar fotographiert hast.

    Es klingt makaber, aber der “Staat” ist doch andererseits – zumindest momentan noch – in einer recht komfortablen Situation. Irgendwann läuft die biologische Uhr des alten Herren ab und da wohl keine Erben vorhanden sind, fällt der gesamte Kunstbesitz an wen…?

    Und bis es soweit ist, passt man zwecks Sorge um Leib und Leben von Herrn Gurlitt halt noch eine Zeitlang, so oder so, selbst auf die Kunstwerke auf. Honi soit qui…

    .

  4. Da hast Du ja wieder einen schönen Giftbecher angerührt. Nur nicht dran nippen. Man steht heut sehr schnell auf schwarzen Listen. Danke für den FAZ – Link zu dem Artikel, den ich arbeitshalber momentan, ansonsten kaum zu lesen bekommen hätte.

  5. Hoffentlich vermacht er seine Sammlung der Kirche, dann besteht die Chance, daß sie über die nächsten Jahrhunderte erhalten bleibt. Die Halbwertzeit dieses “Staates” ist längst überschritten.

  6. Danke für den Link zur FAZ. Dem Inhalt und der Aussage dieses Artikels von Volker Rieble muß nichts hinzugefügt werden.

  7. “Und bis es soweit ist, passt man zwecks Sorge um Leib und Leben von Herrn Gurlitt halt noch eine Zeitlang, so oder so, selbst auf die Kunstwerke auf. Honi soit qui… ”

    Den schlimmstenfalls juristischen Ärger sitzen die Amigos so wie in den letzten Jahrzehnten doch ganz locker aus. Und sollte es brenzlig werden, kennt man ja inzwischen das Instrumentarium aus dem Fall Mollath. Der alte Herr kann einen jetzt schon so oder so leid tun. Solche artikel wie von Volker Rieble in der FAZ bräuchten wir mehr, aber nicht im nur von wenigen gelesenen Feuilleton, sondern in den Tagesnachrichten.

  8. Moin Detlef,

    nach meiner Kenntnis hat Gurlitt keine Kinder. Im ALter von 80 Jahren weiss man, dass in diesem Fall entfernte “Verwandte” wie Heuschrecken über das eigene Erbe herfallen werden – auch und gerade solche, die der Erblasser zu Lebzeiten gar nicht kannte oder die man erst mühsam ausfindig machen muss. Irgendwelche Grossneffen dritten Grades werden sich schon finden lassen.

    In einem solchen Fall könnte das Wissen tröstlich sein, dass das eigene Lebenswerk nicht von Leichenfledderen geflöht, sondern einem grossen Publikum in einem Ambiente zugänglich gemacht wird, das man zu Lebzeiten noch selbst mitgestalten kann.

    Aus diesem Grund wäre Gurlitt der Stiftungsidee gegenüber sicher aufgeschlossen. Zumal auch er selbst wissen wird, dass er die Rückgabe der Bilder nicht lange überleben würde…

  9. Detlef,
    eins vorab: Du schreibst größtenteils wirklich sehr gute Blogs. Die Leser “ich inbegriffen” hecheln atemlos Deinen Themenwechseln hinterher und manche schreiben sich die Finger “wund” an Zuständen, die sie auch nur kommentieren aber derzeit nicht verändern können.
    Mein Beileid ist Dir gewiss.

  10. Heute im Spiegel: “Der Münchner Generalstaatsanwalt Christoph Strötz berichtete dem Kunstausschuss, Cornelius Gurlitt habe bislang keinen Termin zur Übergabe seiner Bilder vereinbaren wollen. “Es ist so, dass sich der Beschuldigte bislang nicht bereiterklärt hat zu einer Terminvereinbarung”, sagte Strötz. Die Behörden hätten den Kontakt zu ihm “über einen bestimmten Zeitraum gepflegt”. Es habe sich auch “rasch herausgestellt, dass ihm gewisse Bilder zu Recht gehören”

    ?????????????????

    Detlef, ganz tolles Bild oben von Georg Jung.

  11. Oh Gott, Recht, Moral und Kultur in Deutschland gehen unter wg. einem alten, debilen Mann und der vom Papa zusammengeklauten Kunstsammlung. Gehts noch?

  12. @Hirsekorn,

    die zuständige Staatsanwaltschaft (oder korrekter: Die Staatsanwaltschaft, die sich für zuständig erklärt hat), konnte innerhalb der vergangenen zwei Jahre nicht in einem einzigen Fall einen illegalen Erwerb nachweisen – aber Sie an Ihrem PC wissen trotzdem bereits, dass es sich sämtlich um eine “vom Papa zusammengeklaute Kunstsammlung” handelt? Respekt.

    Können Sie uns hier bitte auch die Lottozahlen vom nächsten Wochenende und den Ausgang der nächstjährigen Fussball-WM posten? Danke…

  13. Tractionavant,
    im Fall Gurrlitt haben deutsche Behörden und Justiz zum Nachteil eines alten Mannes, der sich offenbar nicht wehren konnte oder wollte, total versagt. Trotzdem muß ich fast kotzen. Für mich macht es einen Unterschied, ob ein Kunstwerk nach 1933 bei den überwiegend jüdischen Besitzern einfach gestohlen, man die Verkaufsbereitschaft mittels Gefängnis erhöhte oder ob dafür sogar getötet wurde. Rechtlich spielt das in Deutschland keine Rolle, nachdem hier aus gutem Grund für NS Raubkunst eine Verjährungsfrist von 30 Jahren eingeführt wurde. Das ändert nichts an meinem Würgereflex, denn bildlich wie real hängt einem großen Teil dieser Bildern, nicht nur denen von Herrn Gurlitt, heute noch der Geruch von Gaskammern an.
    Haben Sie es jetzt verstanden?

  14. @Bockelmann,

    ich finde, Sie machen es sich etwas einfach,

    Viele bzw. die meisten Bilder waren zur damaligen Zeit nicht einmal die Leinwand wert, auf der sie gemalt wurden. Das Auspressen von jüdischen Besitzern bezog sich vorrangig auf (damals) realisierbare Werte (alte Kunst, Häuser, Fabriken, Wertpapiere).

    Es war überhaupt nicht absehbar, dass diese Kunstwerke 60 Jahre später mehrstellige Millionenbeträge erlösen können – denn sonst hätte jeder für einen kleinen Reichsmarkbetrag einen Klimt o.ä. für die Erben zurückgelegt.

  15. @Bockelmann,

    für mich ist der Aufhänger ein anderer: Bis vor wenigen Wochen wusste kaum jemand von der Existenz dieser Bilder; aber seither kommen ständig irgendwelche selbst ernannten “Experten” aus dem Busch, die so tun, als wären sie bei persönlich dabeigewesen, als diese Bilder ihren früheren Besitzern weggenommen wurden. SO aus der Retrospektive ist die (vermeintliche) “political correctness” ja auch keine grosse Kunst.

    Es gab unterschiedlichste Wege, in den Besitz dieser Kunstwerke zu gelangen; beispielsweise den, die Bilder Privatleuten und Museen abzukaufen. Die Alternative wäre die Mülltonne gewesen. Schliesslich galten sie damals nicht nur für (überschaubare) 12, sondern für (mindestens) 1.000 Jahre als entartet.

    By the way: Der heutige Besitzer der Bilder war bei Kriegsende kaum 13 Jahre alt und an der (auch) von Ihnen unterstellten illegalen Beschaffung schon allein aus Altersgründen mit Sicherheit nicht beteiligt. Und bis heute wurde in immerhin zweijährigen Ermittlungen bei keinem der 1.280 Werke etwas anderes bewiesen. Die Unschuldsvermutung – eine der tragenden Säulen unseres Rechtssystems – ist Ihnen ein Begriff?

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