Kind, vergiss doch Mensch ärgere dich nicht

14.02.04 Mühlheim 006

Gestern Abend zappte ich im Web und hatte plötzlich, nichts Böses ahnend, ein Filmchen über die Spielwarenmesse in Nürnberg drauf – und ich blieb, was selten vorkommt, bis zum Schluss. Denn das, was ich dort sah, das erschien mir zutiefst surreal, fast schon wie ein gesellschaftskritischer Kurzfilm oder wie das ehemalige Nachrichtenmagazin jetzt schrub:

“Lebender Sand, intelligente Knete und Smartphones, die über Brettspiele wachen: In Nürnberg hat die weltweit größte Spielwarenmesse geöffnet. Der Technik-Trend im Kinderzimmer hält an…”

Gegenbild: Wir – also ich und die Nachbarskinder ringsum im Westviertel – wir wurden Anfang der 50er nach Erledigung der Hausaufgaben, früher einfach ganz unverchipt vor die Tür gestellt: “Draußen ist schönes Wetter, lass dich hier bis zum Abendbrot nicht mehr blicken”. Und dann mussten wir uns selbst etwas beibringen, uns eigene Spiele ausdenken, Expeditionen durch die dunklen Keller vom Krieg zerstörter Häuser starten, ein paar Ameisen wurden unfreiwillig zu Passagieren auf unseren aus alten Holzbrettern gebauten Holzschiffchen, die wir auf dem Weiher in der Friedrich-Ebert-Anlage auf große Fahrt über den Ozean gehen liesen, der wilde Schrottplatz der früheren Autoschlosserei gegenüber, zur Kreativwerkstatt für zukünftige Autobauer, das Lenkrad und die alten Achsen nebst verdellten Felgen eines Vorkriegsautos und ein paar Holzkisten, zum Rennwagen, mit dem wir uns auf den Traumberuf Rennfahrer bei Mercedes – Benz vorbereiteten… es ist eigentlich ein Wunder, dass wir überhaupt noch leben.

14.02.04 Mensch ärgere dich nicht 008

Damals wurde uns von ehrgeizigen Müttern und Vätern kein Spielzeug für den späteren Erwachsenen gekauft – und es kam durch das selbst Erlebte trotzdem einiges an Imagination zusammen, von der ich heute noch zehre: die Hundebalgerei in der Frankenallee zum Sozialkundeunterricht, die unheimliche Strassenecke Kriegstrasse / Lahnstraße, wo Nazischergen in den allerletzten Kriegstagen, Dank Mithilfe noch um den Endsieg bangender Nachbarn, zwei aus den Adler – Werken geflohene, junge, polnische Zwangsarbeiter per Knickschuss hinrichteten, zu meinem Pazifismus und Misstrauen gegenüber dem braven Bürgertum da unten, die Auschwitz – Prozesse im Haus Gallus und zur heutigen Abscheu vor menschenverachtenden Rechtsaußen und Zynikern, die ‘den Negern’ den Verbleib in Afrika anraten, obwohl sie den neuesten Armutsbericht neben sich liegen haben und wissen, was dort tagtäglich an Morden geschieht…

und zu meinen schönen Imaginationen, unter vielen Erinnerungen in den Kartons im Keller, das wie einen Schatz behütete, alte Reise – “Mensch ärgere dich nicht” von meiner Mutter, mit dem sie mit mir Anfang der 50er während der langen Fahrten zu dem Strand in Rimini, auf dem Rücksitz spielte. Während die heutigen Kinder, allseits behütet, umsorgt und betütert heranwachsen, immer schon den späteren Erwachsenen im Kopf haben, weshalb sie sogar noch einen Stubenarrest als Belohnung empfinden, weil freie Zeit, aus Langeweile Papierflieger falten und im Zimmer fliegen lassen, Imaginationen, dank Minidrohnen für’s Kinderzimmer, Android und Social Media, zu fremden Begriffen werden.

Die Folgen der gelungenen Dressur à la Äppelverblödung, Mikroleicht, Gurgel und Gesichtsbuch wird sein, dass wir durchgescannte Menschen bekommen, deren Persönlichkeitsprofile und Nutzerdaten an zahlende Kunden, hauptsächlich Werbetreibende, verhökert werden, damit Amazon für die Konsumidioten schon die neuesten Nikie Designerschuhe im Lager versandbreit hält, bevor die sie dort bestellt haben, die, wen sie Glück haben, zwar unauffällig, rundgelutscht und angepasst auf Führungspositionen gelangen, die aber völlig überfordert sind, wenn sie in einer kritischen Situation mal etwas ohne Äpp entscheiden sollen, wenn sie Anderes oder Alternatives entwickeln sollen – eine Generation iPhone22, die von ihrem Spielzeug und Gesichtsbuch zu Marionetten geklont wurden. Menschen, die nichts Neues schaffen können, weil das Neue – qua Definition – nie in einem iPäd stehen kann. Ohne Gebrauchsanweisung fürs Leben stehen sie in unerwarteten Situationen dumm da, weil ihnen alle Träumerei, Phantasie und Imagination ausgetrieben wurde, bevor sie solch einen überflüssigen Luxus überhaupt entwickeln konnten.

Pedal Car - 1

Mein Fazit: Aus dieser konsum-, konsum- und nochmal konsum – dressierten Kinderkrippe wird unserem Land kein Genie mehr, kein großer Denker, kein Komponist, kein Carl Benz oder Josef Ganz und auch kaum noch Liebhaber kleiner Autos für erwachsene Männer, mehr erwachsen. Mit etwas Glück kommen bestenfalls mal ein paar CEO’s, Börsenzocker, Bankster und mehr und mehr Reichshauptstadtabschaum der moralisch doppelseitig gewendeten Bimpes – Republik, heraus.

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21 Gedanken zu “Kind, vergiss doch Mensch ärgere dich nicht

  1. Ich bin für friedliche Koexistenz der Unterhaltung. Der neue 550-seitige gebundene Sonderband vom Eyemazing Magazine mit den tollsten Fotos ever, auf dem Sofa liegend schmökern und “Knockemstiff” von Donald Ray Pollock, auf dem E-Book während der Bahnfahrt. Aber erst ab 18 Jahre. Bis dahin nur Gebundenes.

  2. Du Armer. Nichts gescheites zum Spielen gehabt!? Meines Papas Sohnemann hatte in den 60 er jahren fast die komplette Palette von Dux – Kino und Dux – TV in der Spielecke. Leider ist der ganze Kram später bei den vielen Umzügen verlorengegangen.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Dux_Kino

    Ansonsten bin ich mit Dir d àccord. So gut vieles ist und Vorteile bietet, wenn aber immer mehr junge Menschen nur noch per SMS miteinander kommunizieren und sie den Mund nur noch zum Pizzaessen aufkriegen, und bescheuertes “Liken” die Kommunikation für gefühllose Analphabeten wird , läuft was schief.

  3. Na ja, Wowereit wusste von seinem steuerhinteziehenden Staatssekretär schon seit 2012. Ich weiß nicht, wovon mir mehr schlecht wird.

  4. Linssen behauptete “bei dem Geld handelt es sich um privates Vermögen meiner verstorbenen Eltern, das unsere Familie steuerlich korrekt erwirtschaftet hat.”

    Äh, klar! Wer von den 400 Euro Jobbern lagert heute denn nicht mehr sein korrekt versteuertes Geld bei Briefkastenfirmen in Steueroasen?

  5. Maxplay,

    bei mir funktioniert das wohl nicht, obwohl ich den neumodischen Kram in dem Fall gerne mal ausprobiert hätte: Habe mir grade fürs Wochenende ein Leckerschmecker-Rezept “Kalbsschnitzel gefüllt mit Handkäse in Apfelweinrahmsößchen” im Web runtergeladen.

    Es kam weder eine Bestellmöglichkeit von Amazon und auch kein Angebot vom 30-Minuten-Lieferervice.

    :-)

  6. In den neunziger Jahren habe ich ein superschönes restauriertes Austin A40 Tretauto gekauft (http://www.austinworks.com/pc-photo.html).
    43 kg schwer, original von Austin gebaut, sogar mit Fahrgestellnummer, Dunlop-Luftreifen, Motorattrappe mit echten Zündkerzen zum rein und rausdrehen, Lucas Hupe, Licht und zu öffnendem Kofferraum. Ich habe das Autochen schweren Herzens meinen Kindern zum spielen überlassen. Die waren damit die Kings in der Nachbarschaft und sind teilweise zu viert auf dem armen Ding rumgerutscht. Als wir umgezogen sind, war das Tretauto der Türöffner für neue Freundschaften. Viele Kinder hatten jahrelang richtig Spaß mit dem unkaputtbaren Tretauto. Inzwischen sind alle daraus herausgewachsen. Wir haben es jetzt im Keller stehen, wo es auf die nächste Generation wartet.
    Ach übrigens, meine Söhne interessieren sich jetzt für Oldtimer.

    Heute gibt es für genau dieses Tretauto ein eigenes Rennen beim Goodwood Revival, einen überteuerten Ersatzteilhandel und einen eigenen Club. Die Preise sind explodiert und nur ganz wenige Kinder dürfen mit den verhätschelten und toprestaurierten Sammlerstücken fahren. Müssen wir Erwachsenen eigentlich alles sammeln?

  7. @ Das Auge

    eine wirklich sehr schöne Kurzgeschichte. Echt. Detlef schrieb etwas von Imagination, einem Begriff, den ich längst vergessen hatte. Dafür beneide ich Euch beide.

  8. Ich habe dank des glücklichen Umstandes, daß ich schon sehr früh aus dem Haus ging und einer vorausschauenden Mutter, heute noch die meisten meiner Matchbox Autos aus den 60er und 70er Jahren. Über WEihnachten hatte ich mir die Mühe gemacht, über einschlägige Portale die Angebotspreise zu recherchieren und bin auf den Hintern gefallen. Seit dem liegen die Autochen nicht mehr achtlos im Keller, sondern haben eine schicke Sammlervitrine bekommen und hängen neben meinem Schreibtisch an der Wand. Zwei davon erinnern mich mit ihrem blanken Metall heute fast 5 Jahrzehnte später an meine ersten Versuche mit Schleifpapier, Karosseriespengler und Lackierer werden zu wollen.

  9. Und dazu jetzt noch die latente Gefahr des Verhungerns weil nebenan vielleicht auch eine Burger-King Filiale dicht machen musste.

  10. Wenigstens ein Anfang ist mal gemacht. Oder soll aus den Deutschen, dem Volk der Dichter und Denker, ein Volk der FaceBook- und Goggle-Penner, Glotzer und Surfer werden?

  11. Danke Herr Kupfer.

    Auch für die vielen tollen Fotos meiner Heimatstadt. Ich muss zugeben, als Westend – Gewächs, Baujahr 1948, kommt man aus dem Lachen gar nicht wieder raus (bis es einem im Halse stecken bleibt).

    Gruß aus Capetown,
    Alfred Orgler

  12. Pingback: Griechenland, die Blasen und das Anstandsstück Erdbeerschaum | MotorBlöckchen

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