Der große Bailout der Technikkultur

Lothar von Richthofen

“Die Junkers Ju 52 D-AQUI wurde 1936 in Dessau gebaut. Jetzt wird sie offiziell zum Denkmal erklärt…”

Es gibt hier so eine ganz besondere Fähigkeit zur Verscheusslichung von Kultur und Kulturgütern.

Ich bin ich der Meinung, dass es sowas wie eine Denkmalschutz-AFA auch für echte Oldtimer – Restaurierungen geben sollte, ob für so eine unglaublich schöne wie seltene “Tante Ju” wie oben auf dem Foto aus den 30er Jahren auf dem Flughafen in Frankfurt, ob für eine uralte Dampfmaschine aus der Frühzeit der Industrialisierung, von denen viele in alten Gewölben vor sich hinrotten oder ob für wirklich seltene, alte Autos, womit ich nicht diese abartigen Restaurierungen von alten Autos meine, die es zu tausenden, ach was, zehntausenden gibt und wie man sie von totrestauriert bis reconstructed grade wieder auf der Retro Classics an jeder Ecke sehen konnte, sondern wirklich nur für Automobile, von denen es weltweit nur noch ganz wenige Exemplare gibt.

Im Gegenzug müsste solche Technikdenkmäler auch der Allgemeinheit zugänglich sein, bspw. in dem man die Eigentümer verpflichtet, ihre Automobile nicht in undurchsichtigen Panzergaragen verschwinden zu lassen, sondern an mindestens zwei, drei Monaten pro Jahr Museen als Leihgaben unentgeltlich zur Verfügung zu stellen oder auf öffentlichen Fahr – Veranstaltungen zu präsentieren.

Ganz im Ernst. Und selbst dann, wenn sich auch ein neureicher City-Bankster mit seinem geklauten Geld dann halt so ein Denkmal kauft, ist es immer noch besser, als der Klassenkampf von oben, als dass seine Millionen klammheimlich, unsichtbar in neuen Derivaten herumvagabundieren, verzweifelt nach 23% p.a. Profit suchen oder in Projekte wie Kaufkultur und Lebensqualität zerstörende Shopping – Center, Ölsandexplorationen in Kanada, Fabriken mit Sklavenarbeitern in China oder die steuerlich sogar begünstigte Gentrifizierung beschleunigende Umwandlungen von Miet-Altbauten in Luxus-Eigentums-Betongold, fließen.

Schönen Ostersonntag noch.

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10 Gedanken zu “Der große Bailout der Technikkultur

  1. Hallo

    Ich habe sehr guten Kontakt zu den Besitzern des ältesten erhaltenen und gleichzeitig flugfähigen Messerschmitt-Flugzeuges der Welt. Nein, die hängt in keinem Museum von der Decke, sondern sie steht im Hangar und wird im Sommer regelmäßig geflogen, auch in Formation mit der D-AQUI. Ich glaube niemand aus dem Automobilbereich kann sich im entferntesten vorstellen, was es bedeutet, solch ein fliegendes Denkmal in der Luft zu halten. Jährlich muss erneut die Lufttüchtigkeit nachgewiesen werden, die Ersatzteilversorgung ist seit 1945 aus irgend einem Grund abgebrochen…. Viele Teile müssen heute aufwändig hergestellt werden und dürfen nur nach Prüfung und Freigabe eingebaut werden. Besonders schwer wird das für Teile, die halt alle soundsoviele Stunden getauscht werden müssen. Oldtimerei in der Luftfahrt ist mit Oldtimerei auf der Straße nicht zu vergleichen. Die D-EBFW ist nunmehr fast 80 Jahre alt und die Eigner sind fest entschlossen, sie bis zum 100. Geburtstag in der Luft zu halten. Viel Erfolg, vielleicht wird sie dann auch zum Denkmal erhoben.

  2. Detlef, mir noch etwas zu abstrakt. Trotzdem auch unter dem Gesichtspunkt steuerlicher Gleichbehandlung ein interessantes Thema. Was verstehst Du unter “echter Oldtimerrestaurierung”?

  3. Lieber Liquidator,

    leider sind die für die Ju 52/3m originalen BMW Motoren nicht mehr so einfach aufzutreiben, es gibt einfach keine mehr, die irgendwie angemessen in einen lufttüchtigen Zustand versetzt werden können, geschweige denn welche in Reserve zu haben wenn man mal einen tauschen muss.

    Übrigens ist der BMW 132 Motor eine Weiterentwicklung des PW “Hornet” Motor, für den BMW in den 1920er Jahren sogar die Rechte erwarb, und einige Ju 52 sind auch damals mit PW-Triebwerken geflogen. Der bei der LH eingesetzte “Wasp” wurde gleichwohl in den 1920er Jahren entwickelt und im Gegensatz zu den BMW-Triebwerken bis in die 1960er Jahre in riesiger Stückzahl gebaut. Es ist also schon irgendwie zeitgenössisch, ja fast “original”.

    Die LH kann es sich nicht leisten, mit Triebwerken unterwegs zu sein, für die Ersatzteile gesucht und überholt oder erst hergestellt werden müssen. Das Flugzeug ist wenn man das so sagen will im Sommer im Liniendienst unterwegs! Der BMW 132 muss alle 600 Stunden ausgebaut und grundüberholt werden. Der P&W nur alle 1200 Stunden.

    Wenn Sie den Restaurationsgrad und Schwierigkeitsgrad im Betrieb von Oldtimer-Flugzeugen beurteilen wollen, vergessen Sie alles – schlicht alles – was Sie vom Kfz-Bereich her kennen.

    Es gibt die Wahl: Ins Museum oder mit (leider zuverlässigeren und ohne Ersatzteilprobleme zu betreibenden amerikanischen Motoren) fliegen und Luftfahrtgeschichte am Leben halten. Ich bin für Letzteres, zumal die eingesetzten Motoren durchaus als zeitgenössische Veränderung durchgehen können.

    Also: immer locker bleiben und freuen daß jemand wie die LH dieses Millionengrab zur Freude der Luftfahrtenthusiasten in der Luft hält. Denn kostendeckend ist der Betrieb dieses Flugzeuges nicht.

    Beste Grüße

  4. Lieber 230SL,

    das weiß ich alles, bin selbst aus der Branche.
    Allerdings bin ich trotzdem der Meinung, Original ist eben Original- und falsche Motoren bzw Propeller sind das eben nicht. Die Gründe für die Umrüstung sind zwar nachzuvollziehen, spielen aber in dieser Frage keine Rolle. Als die 3-Blatt Props dran kamen, sah die Ju ganz schön schlimm aus- und tut das noch immer. Es paßt einfach nicht.
    Man sieht es ja auch sonst am Denkmalschutz, die Auflagen sind hoch und es muß alles korrekt sein. Und hier ist das auf einmal nicht so?

  5. Bin absolut Ihrer Meinung, Herr 230SL. Ich habe freunschaftliche Kontakte zur SCFA und weiß, wovon sie reden. Die Maschinen werden nach Werksvorgaben gewartet und für die anfallenden Kosten kann man locker jedes Jahr ein Mehrfamilienhaus bauen. Die schweizer stemmen das in ihrem Verein mit einer Unmenge Enthusiasmus, freiwilliger Helferstunden, Spenden und Sponsoren.

    Wenn also eine der letzten Messerschmitt von Privatleuten am Leben gehalten wird, kann man das eigentlich garnicht genug honorieren.

    Ich wünsche Ihren Bekannten alles Gute und vllt können Sie mir ja mal per PN mitteilen, wo die Maschine hangariert ist.

    Einen guten Start in die Woche wünscht

    Klaus Rinner

  6. Für 40 Minuten Rundflug 241,00 Euro + Luftverkehrsteuer x 17 Passagiere (meistens weit im voraus ausgebucht) und dann nicht kostendeckend? Das die Lufthansa vom Drauflegen lebt, wäre mir neu.
    http://www.ju52rundflug.de/fluege/flugplan/flugplatzliste.html?tx_csflugbuchung_pi1uid=1

    Den Ansatz zum Erhalt technischer Kulturgüter Privatleuten die gleichen steuerlichen Vorteile einzuräumen, wie sie Hausbesitzer schon seit Jahrzehnten geniesen, finde ich gut und sollte weiterentwickelt werden.

  7. Also am besten nach urtoitscher Tradition noch ein Verein. In Anlehnung an die IKM, PAK, IAK vielleicht die ITK Industrie Technik Kulturerbe. Aber wenn, dann bitte mit klar definierten Zielen und Statuten, denn die Statuten der IAK habe ich bis heute noch nicht zu Gesicht bekommen.

  8. Korella:

    Die Ju 52 wird mit AVGAS LL100 betrieben, jeder der drei Motoren verbraucht im Reiseflug so grob geschätzt um die 120 Liter pro Flugstunde, also 2 Liter pro Minute pro Motor, also 6 Liter insgesamt. Der Saft kostet (damit es sich besser rechnet) etwa 2,50, eher mehr. Macht also 15 EUR nur Benzin pro Minute. Dazu kommt daß das Flugzeug von einer speziellen Mechanikertruppe nach jedem Einsatz gewartet wird, dazu zwei Piloten, Rücklagen für Motorüberholungen, die je Motor um die 80.000 EUR kostet – minimum und dann die vielen Reparaturen, die anfallen, die Trainingsflüge, die Überführungsflüge zu den Einsätzen, etc. Aber (man verzeihe mir den Vergleich) man kann einer Kuh eben nichts vom Fliegen erzählen….

    Herr Rinner:
    Wenn Sie etwas im Netz stöbern fällt ihnen die blaue Bf-108 zwangsläufig über die Füße. Die Eigner fliegen sie regelmäßig bei verschiedenen Ausstellungen vor.

    Beste Grüße

  9. Die Flugzeugpioniere und die “tollkühnen Männer in ihren fliegenden Kisten” hätten es verdient.

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