NAG und die Schattenseite des Cabriolets

Ist es ein Ergebnis von hormonellem Walten, ein Erfüllen von Sehnsüchten niemals richtig erwachsen gewordener Selbstdarsteller, oder ist es gar ein Grundbedürfnis, vergleichbar mit dem Essen, Trinken oder Schlafen? Ein merkwürdiges Gefühl packt mich jedes Jahr, kaum dass der letzte Schnee geschmolzen ist und man so wie heute Morgen plötzlich merkt, um 7.00 Uhr ist es schon beinahe hell. Die Cabrio-Zeit ist dann langsam wieder da, bedauerlich für den, der, von seiner Limousine umpanzert, so gar nicht mitbekommt, welches Erlebnis er in den Sommermonaten verpasst.

Einigen Personen der Geschichte allerdings, wurde das Cabrio-Fahren zum Verhängnis. Franz Ferdinand, österreichischer Thronfolger, zum Beispiel, in seinem sechssitzigen Phaeton der Marke Gräf und Stift, als er 1914 zum Rathaus der Stadt Sarjevo fuhr. Sein Auto hat einen damals sehr seltenen Vorderrad-antrieb, 4 Zylinder und 32 PS. Benannt ist es nach dem Sohn des Sonnengottes Helios.

Niemand werde ich den frühmorgentlichen Fernseh-Sonderbericht vergessen, am 22.11.1963, das schwarze Lincoln Megacabriolet, mit dem John F. Kennedy  durch die Straßen von Dallas rollte, ein Traumcabriolet mit Weisswandreifen, Platz genug für sechs Personen, dem Chauffeur stand der Stolz ins Gesicht geschrieben. Das Beste, was amerikanische Autobauer auf die Straße stellen können. Und dann das Unfassbare.

Dem deutschen Aussenminister Walter Rathenau wurde ein Cabrio schon rund 50 Jahre früher zum Verhängnis. Er ließ sich am 22. Juni 1922 in einem dunkelgrauen NAG mit roten Rädern über die Boulevards Berlins chauffieren. Der Himmel über Berlin war bedeckt, doch es regnete nicht. Rathenau ließ das Dach offen, wie es viele andere Cabrio-Fahrer es auch getan hätten.

Berlin, Kapp-Putsch, Kapitän Ehrhardt

Auf der Fahrt zum Auswärtigen Amt überholt ein anderer Wagen das Ministerauto. Ein Attentäter feuert mit dem Maschinengewehr auf Rathenau, ein zweiter warf eine Handgranate. Wenige Minuten später war Rathenau tot, der, wie Albert Einstein schrieb, Idealist war, »trotzdem er auf der Erde wohnte und deren Geruch kannte wie selten einer«. Rathenau war bei rechtsextremen Nationalisten verhaßt, weil er für Versöhnung mit den Siegermächten des Ersten Weltkriegs eintrat und überdies Jude war.

Eines der ersten Automobile aus dem Jahre 1900

Die Firma NAG Neue Automobil Gesellschaft in Berlin war 1900 gegründet worden, von Doktor Emil Rathenau, dem Vater des Ministers. Die Firma unterhielt bereits um 1905 einen eleganten Verkaufssalon in Frankfurt am Main und machte sich mit besonders sportlich ausgelegten Autos einen Namen, die auf den Rennstrecken wie Avus und Monza siegten. Jeder wollte ein solches Auto, die Werbung umgarnte »die mondäne Frau und den verwöhnten Herrenfahrer«.

So wie wie mit diesem NAG Rennsportwagen von 1913 mit 25 PS und 80 kmh…

Aber die Firma NAG hatte kein langes Leben. Die Autos gerieten in Verruf, auch weil bei allzu flotter Fahrweise häufig der Rahmen brach. 1929 beutelte dazu die schwere Wirtschaftskrise die Firma, 1934 wurde die Produktion eingestellt.

Im Meilenwerk Berlin sind immer mal wieder einige NAG zu sehen, so wie der graue Protos 14/70, Baujahr 1928, 6-Zylinder, 3500 ccm, 70 PS, 90 kmh und mit Kupplungsautomaten “Centrifugia”, einer halbautomatischen Fliehkraftkupplung des französischen Ingenieurs und NAG-Chefkonstrukteurs Gabriel Lenard.

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2 Gedanken zu “NAG und die Schattenseite des Cabriolets

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