Hamlet und der Engel im Kofferraum

hamlet-1-424x278

Für Lorenzini, vielleicht. Für Lorenzini hätten wir vor 35 Jahren in schwachen Momenten gesagt, dass wir sterben würden. Aber eher vielleicht doch nicht. Warum auch. Wir waren jung und hatten das Geld. Wir sind einkaufen gegangen, bei Annas, Henry, Hemden von Lorenzini und Byblos, Schuhe bei Bally, Nachmittags in die Fressgasse ins Kaffee Schwille, ins Terrassen-Cafe, Abends dann in die Szene-Lokale und Discos, K52, Mecki Messer, Saint Germain, Hüttenbar, Skt. John’s Inn, Dorian Grey, Kookies, Why Not, und wir konnten zahlen, ich schweisste an Wochenden Stahl-Einbautanks in Kellern, oder schlosserte Tore die 35 Jahre später noch kerzengrade in ihren Scharnieren schwingen, Samstags Abends gabs 800 Mark auf die Hand, netto, über Jungs die dafür 2 Wochen 84-Stunden schoben, lachten wir.  Wir waren unbeschwert, hatten Freunde, deren Eltern zahlten, manchmal zahlten sie auch nicht. Die klauten als Stammkundschaft eine Weile, bis sie wieder Geld hatten oder erwischt wurden, oder sie saßen in Telefongeldfirmen und verkauften Optionen auf Schweinehälften. Aber sterben würde niemand.

Wenn ich eines Tages nicht mehr ein bißchen Freude empfinde, mich spotnan ins Auto zu setzen und in meiner Heimatstadt Frankfurt anzukommen, wenn es irgendwann banal sein sollte, die Stadt zu erreichen und kein Gedanke mehr da ist, sich ein paar Stunden auf das Leben dort einzulassen, bin ich das geworden, was man wohl als alt bezeichnen muss. Das kommt nicht mehr so oft vor. Machmal dauert es deshalb ein Jahr oder länger, bis die Neuigkeiten zu mir dringen.

Peter Kuper, „Hamlet“, starb am 21. November letzten Jahres in meiner Stadt der leeren Türme. Er wurde 71 Jahre alt. Ich bekam es nicht mit, ein paar Wochen später, genau so um diese Zeit wie heute, traf ich einen alten Bekannten, der auf der Beerdigung war  taz  Ich kramte dann sein Buch hervor, dass ich vor gut 20 Jahren, nein, es war vor meiner Heirat, im damaligen „Alternativbuchladen2001″ an der Hauptwache gekauft hatte, und nie gelesen habe.

Seit so vielen Jahren liegt das Buch nun herum, durchgeblättert, nur mal reingelesen. Zum Ganz-Lesen fast zu dick. Aber ich brauchte es auch nicht zu lesen, ich weiß, was drinsteht, ich habe “Hamlet” gekannt, ihm manchmal zugehört, unsere Wege habenn sich in den letzten 40 Jahren oft gekreuzt, später war ich viele Jahre Gast bei seiner Lebensgefährtin Ingrid, Inhaberin des Restaurant Wasserweibchen, mit der er lange Jahre zusammenlebte, nach dem man seine Freundin Helga Matura, wie die Nitribitt eine Edelprostutuierte, im Gutleutviertel umgebracht hatte.

„Hamlet oder die Liebe zu Amerika“ nannte Peter Kuper seine Erinnerungen an seine Kindheit im Nazideutschland, seine Jugend im Nachkriegsdeutschland, sein Erwachsensein auf der dunkleren Seite des Wirtschaftswunders. Ein Journalistensohn (Vater August Kuper überlebte das KZ Buchenwald und den Fronteinsatz und flüchtete nach dem Krieg als linker Kritiker in die DDR) mit Faible für alles Amerikanische; widerständig, unangepasst, ein kleinkrimineller Stadtstreuner, der im berüchtigten Frankfurter Bahnhofsviertel ebenso seine Zelte aufschlug, wie in den Edel-Discos und Partys der feinen Gesellschaft, Freund von Box-Lokalmatadoren, einer der besten Freunde von den legendären Gründern des ersten deutschen Hard-Rock Café, Cookie Dahl (Foto oben 1983 von seiner Beerdigung), Mike (Michael) Meixner und Kater (Bernd Klapproth). Hamlet, einer der mit den Beinen im Leben stand, in seinem, fast nie Geld in der Tasche, aber nicht selten im feinsten Kiton Sakko in der Fressgasse lustwandelnd zu sehen.

Keine 68er-Gesellschaftsveränderungsromantik, gar nicht. Das wäre schon die nächste Generation. Hamlet erzählt in seinem Buch, genau so wie er es tat, wenn man ihm gegenüberstand, von schnellen Autos, ich erinnere mich da an einen wunderbaren 2600er Alfa Spider Anfang der 70er, Gefängnisaufenthalten, Prostituiertenbesuchen, Räuschen und Neuanfängen – und malt damit ein authentisches Bild der 50er und 60er Jahre, das literarisch seinesgleichen sucht.

Wir sind alle schön, wir sind alle hässlich, wir leben, wir dürfen, wir können, jetzt und in alle Ewigkeit. Das war immer das Credo in meiner Stadt am Main, das ist der Anspruch und das Versprechen, das einzulösen man nicht aufhört, egal wie alt man wird, die Legenden mögen verschwunden sein, aber es gibt immer noch zu viele Geschichten und Vergangenheiten, und wenn sie schmerzen, schafft man sich eben neue Gegenwarten und bleibt dabei, bis sie, frisch vergangen und immer noch blutig, etwas älter und golden wirken. Wir, die Jungs aus den 50ern, wir können das. Deshalb diese mal ganz andere Geschichte, die ich schon vor einem Jahr geschrieben hatte, damals gab’s noch kein Motorblöckchen, jetzt könnt Ihr sie lesen.

14.01.16 Peter Kuper - Hamlet - Amazon

P.S. Übrigens, das Buch “Hamlet oder die Liebe zu Amerika” gibt es inzwischen auf der Bücherresterampe bereits ab 1 Cent zu kaufen oder 4 Seiten Auszug daraus hier für lau..

Auch lesenswert, ein Blogbeitrag über “Hamlet”: “Hamlet und die Sozialistische Aktion”

.

15 Gedanken zu “Hamlet und der Engel im Kofferraum

  1. Ich fass es nicht. Gestern Abend mal aus Langeweile gegoggelt und ich finde diesen Beitrag. Detlef, Du musst etwa gleicher Jahrgang wie ich sein, denn nach Deiner spitzenmäßigen Beschreibung der 70th müssen wir uns mindestens ständig über die Füße gelaufen sein. Sagt Dir der Name Nasemi was?

    Meine E-Mail hast Du. Melde Dich mal. Ich komme Mai mal wieder rüber aus den USA. Wir können bei Wölfi in der FRessgasse ja mal einen Retroday machen (aber mit Apfelschorle)

    Wir waren alle durchgeknallt, Hamlet war aber schon was besonderes. Vielleicht besorge ich mir wenn ich bei Euch bin auch mal sein Buch. Ich finde es toll, dass einer der ihn früher persönlich erlebt hat, ihm hier so einen schönen Beitrag widmet, alte Erinnerungen hochholt und ein kleines Denkmal baut. Schluchz.

    Sascha Ritter

  2. Hier wird man ja richtig fündig, wenn man mal stöbert. Hamlet hatte Anfang der 70erJahre zusammen mit Inge, die dann später alleine das Wasserweibchen in HG eröffnete, in der Alten Gass den Goldenen Hirschen. War ein super und preiswertes Fress-Lokal, wo ich noch später gelegentlich immer mal mit Kollegen(innen) von der Werbeagentur hin bin.

    Ich finde auch, es ist ein schöner Zug, diesem Verrückten im Internet so ein kleines Denkmal zu setzen. Heute Abend werde ich mal weiterstöbern.

    Michael M.

  3. Hamlet ,lieber Hamlet, mit Dir ist der Himmel um einen guten Kerl reicher und wir um eine guten Bekannten ärmer..
    Dennoch danke für all die netten Nächte und deine so sympatische Art…

    Ich fühlte mich sehr betroffen als ich gestern von Deinem Tot erfahren habe..

    Machs gut mein Freund ….

  4. Ich finde es auch sehr schön und aufschlussreich hier so einen herzlichen beitrag zu finden. Hamlet war wohl mein Stiefopa… Leider habe ich ihn selber nur einmal wirklich kennengelernt, aber viel von meiner großartigen omi inge über ihn gehört.. Er muß ein sehr einzigartiger typ gewesen sein. Bestimmt nicht nur einfach.. aber das wäre ja auch langweilig.. auf jedenfall liebe ich sein buch! Ich wünschte wir hätten ein paar mehr begegnungen gehabt..
    Danke

  5. Mich hauts um. Du Detlef?

    wenn heut nicht jemand im Eintracht-Forum den Link hierher gesetzt hätte, wäre ich nie drauf gekommen.

    Ingrid vom Wasserweibchen ist allerdings auch tot. Das weißt Du, oder?

    Sehr schöner Zug von Dir, Hamlet auf diese Art in Erinnerung zu halten. Ich werde jetzt versuchen das Buch mal zu bekommen. Du hast eine Email. Melde Dich doch bitte mal.

    Hartmut

  6. …all die alten Szenefiguren… Cookie Dahl, Hamlet, Ossi Büttner
    1965 war ich gerade mal 16, hab im storyville als Musiker gespielt ( wenn die Bullen kontrolliert haben, hat mich der Marshall – der damalige Eigentümer immer verstecken müssen) und in der Hüttenbar dicke Backen gemacht und bin im K52 nach den Gigs von den Kaiser-Strassen-Mädels mit Spaghetti bekocht worden.
    Geile, geile Zeit gewesen !!! Hamlet ist einfach eine Kultfigur. Ich sehe ihn heute, nach all den Jahren, immer noch vor mir: lange wehende blonde Haare und bodenlanger schwarzer Ledermantel.

  7. Über diese Zeit gibts so gut wie keine alten Presseartikel im Internet. Nicht mal ein Foto von Cookie, Gerd oder Icke. Das Hako-Haus wo Cookie Ende der 60 er Jahre seine ersten Platten auflegte, wird übrigens grade abgerissen. Gibts nicht irgendwo ein Foto von ihm?

  8. Servus,
    Ich bin ein alter “Kameruner”, meine Eltern haben ihr Geld auch mit Gebrauchtwagen verdient, und das seit den 60 gern Jahren.!!! Wehn du in deinen Aufzeichnungen noch erwähnen solltest ist:
    Hans Saturski ( der Vater von Peter, der immer noch aktiv ist ),Stöcker,Autosalon Bodesheimer GmbH ( Meinerseits…), Maurer, Trupke, Rodenkirchen, Peter Golms, usw…. einen Händler hast du damals an jeder ecke gefunden…

    MfG,
    M.Bodesheimer
    PS.:

    Googel mal nach den von mir genannten Namen…

  9. Ich bin im “Kamerun” aufgewachsen und kann dir so ziemlich alles erzählen, was seit 1962 wichtig war( bezüglich Gebrauchtwagen, Kneipen, Bahnhofsviertel, etc… )

    Gruß
    Michael Bodesheimer

  10. Ich mag Deinen Stil wie Du schreibst und einige Deiner Geschichten. Nicht alle. Die hier habe ich erst heute zufällig durch den Ferrari Beitrag entdeckt. Sie mag ich ganz besonders.

  11. Das waren schöne Zeiten, Detlef. gelle? Haste jedenfalls sehr schön geschrieben.

  12. Schee. Da wern aach bei mir Erinnerunge wach. Gabs eigendlisch a Egg, wo du damals ned rumgewirbelt bisd?

  13. Detlef, wir sind so ziemlich ein Jahrgang. Zwar komme ich nicht aus Frankfurt, aber trotzdem habe ich mich heute Abend einen Moment lang im Spiegel gesehen. Was für ein toller Beitrag.

  14. Wenn man heute jungen Menschen so aus unserem Leben in den 50 er und 60 erzählt, können Sie sich dies nicht vorstellen.
    Tagsüber ging es zur Uni oder zum jobben, am Spätnachmittag ins Alfa oder
    In den Imbiss im Metro im Schwan.
    Ab 17.00 in die Hüttenbar, wo Hänschen Tänzer, früherer Studienrat und nur
    Barbesitzer für uns Schüler und Studenten eine Heure bleu eingeführt hatte.
    Bis 20,00 konnten wir “rocken” oder Mädels angraben.
    Dann gingen die einen ins Storyville, die anderen ins Arcadia.
    Hatte man dort keine passende Partnerin gefunden, ging es weiter ins
    K 52. Auf dem Weg nahm man den Geschäftsführer ( Name vergessen ) vom
    Storyville mit in die Kronbergerstraße.
    Leider kam es vor, dass man im K52 auch nicht fündig geworden war, dann ging es weiter in den Picasso Keller, der bis 5.00 Uhr geöffnet war.
    Auch dann noch ohne Erfolg ging man frustriert zum Frühstück in den D-Zug.
    Immer wieder traf man dabei so interessante Typen wie den Gerard, den Wölfi,
    den ich schon in seiner Praunheimer Zeit kennenlernen durfte und natürlich
    Hamlet, den ich letztmals ca. 1990 in der Autohobby Werkstatt in Offenbach
    traf – beim Schrauben an einem Ami Schlitten.
    Was dann 1968 als großer Umschwung an den Universitäten kam, war für
    uns nicht nachvollziehbar, da wir schon 10 Jahre vorher so frei gelebt hatten,
    mit dem 190 SL zur Uni kamen und auch mal einen Cafe Bauer Schein gemacht haben.
    Stegi

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>