Heckflosse: Alte beim Alten

19. Februar 2007… mein Freund Jürgen Gregor, an diesem Tage wieder einmal müde von seinem Tagesjob und dem Schrauben an alten Autos, meistens mit Sternen auf den Hauben, blättert Abends noch einmal routinemäßig wie sehr oft in eBay herum, bevor er ins Bett ging. Hätte ja sein könne, dass irgend wo noch eine Nockenwelle angeboten wurde, ein Kurbelwellenzahnrad…  Nichts…  zuletzt noch die obligatorische Eingabe des Suchbegriff “Heckflosse”… prompt tauchten einige Angebote auf, von aufgehübschten Flossen für meist viel zu viel Geld bis hin zu überteuerten Ersatzteilen. Er rollte ein wenig durch die Seiten.

“Ach da, Mercedes Heckflosse… na ja, Teileträger… Zustand 4… nichts für mich”… weg zum nächsten eBay-Angebot… grübel grübel… “Moment mal, waren da bei dem letzten Schrotthaufen auf dem Bild unten links nicht so etwas wie rote Ledersitze unter der dicken Schmutzschicht erkennbar?”… also noch mal zurück…

“Tatsächlich… das ist ja tatsächlich die gleiche damals ganz seltene Farbkombination wie Papas 64er Heckflosse… unmöglich, dass das… aber warum nicht mal den Verkäufer kontaktieren und fragen”.. und tatsächlich… im neu ausgestellten Kfz-Brief von 1982 steht als Vorbesitzer des eBay-Verkäufers der Hamburger, der sie Anfang der 80er mit über 350.000 Kilometern auf der Nadel an die Elbe brachte… “Mensch das gibt’s doch nicht, dass ist sie, unsere alte Familien-Kutsche…”

Besichtigung kein Problem, da in der Nähe von Frankfurt… also, schnell hin zum Verkäufer, denn bevor man nicht selbst davor gestanden hat, letzte Zweifel. “Wow… sie ist es tatsächlich…?”  Aber noch hat man die Heckflosse ja noch lange nicht auf dem Hänger… noch 3 Tage Laufzeit in der Bucht, da kann noch viel passieren… was wenn ein Anderer glaubt hier seinen langgehegten Traum einer billigen Heckflosse gefunden zu haben…. am Ende hatte es geklappt.

2 Wochen später dann der Moment. Jürgen, ein Freund und ich standen vor einem Garagentor, und dahinter, da stand sie im Oberdeck eines Doppelparkers, oder zumindest das, was von ihr übrig geblieben war. Jürgen stand das erste Mal so richtig vor ihr und hatte den Kfz-Brief in der Hand. Kein Zweifel mehr, das war sie, Papas Mercedes Heckflosse 190D Baujahr 1964… wieder beim Alten… na ja nicht ganz, beim jungen Gregor.

Dort stand die Heckflosse so wie sie vor über 10  Jahren abgestellt worden war, nach dem den Besitzer der sie aus Hamburg zurückgeholt hatte, die Lust verli´ß, die Heckflosse noch einmal wiederauferstehen zu lassen. Ein trostloser Anblick für einen Laien wie mich…

zunächst erfolgte mal eine kritische Bestandsaufnahme der vorhandenen Teile…  keine schnelle Sache, da Jürgen jede einzelne Schraube an diesen Autos kennt…

und eine Prüfung vorhandener Passgenauigkeit… 

nach dem die original roten Ledersitze provisorisch eingebaut waren, wurde eine erste Begutachtung aus Fahrerperspektive vorgenommen… 

Hinten auf den Bodenblechen waren noch die Gurthalter festgeschraubt, mit denen damals Anfang der 60er die beiden Kindersitze im Fond befestigt waren, die heute noch bei Jürgens Papa im Keller auf dem Schrank stehen…

und dann ab und Heim damit…

zu Gregor-Senior. Der war damals 1964 Angestellter bei einer Frankfurter Baufirma, hatte sich die Heckflosse neu gekauft. Damals war so eine Heckflosse schon was besonderes. Gerade mal 8,3 Mio. Autos fuhren auf Deutschlands Strassen.

14 Jahre lang verrichtete sie dann ihren Dienst. In den ersten Jahren fuhr Gregor-Senior tagtäglich zu seiner Arbeitsstelle. Die Familie wohnte damals noch in Frankfurt. Dann kam der Hausbau, 40 km weg von Frankfurt. Die ‚Flosse’ wurde prompt zum Kleintransporter für Baumaterial und vieles man zum Haubau braucht. Und nach dem das Haus stand,  kam ein monströser Dachgepäckträger auf das Dach und Stück für Stück und nach und nach wurde das gesamte Wohnmobilar ins neue Domizil transportiert… und irgend wann mal auch der damals kleine Gregor… auf dem Kindersitz der heute im Keller steht.

Hier ist die Geschichte erst mal vorläufig zu Ende. Ich muss erst noch Photos sichten und ordnen, die ich im Verlauf der Restaurierung immer mal wieder gemacht hatte. Teil II folgt, versprochen.

 

Update 29.12.2012;

statt eines “Teil II”… drei Jahre später, im Mai 2010 beim Heckflossen – Treffen der MBIG in Darmstadt, sah das Auto von Jürgen Gregor dann so aus:

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19 Gedanken zu “Heckflosse: Alte beim Alten

  1. schöne Story – so hab ich mal auf einem Treffen einen meiner alten Citroen DS wiedergefunden, hab dann dem Besitzer einige Bilder als ich ihn hatte zur Verfügung gestellt. Da lohnt sich dann der Wiedraufbau auch wenn er wirtschalftlich sicher nicht sinnvoll ist.

    Gruß
    Gerd

  2. Ein Mercedes-Liebhaber der Jürgen nicht kennt, pennt.

    Das ist ja ein irrer Bericht. Papas ollen Benz von vor fast 50 Jahren so wiederzufinden, ist ja fast wie ein Lotto-Sechser. Ein Rießenglück, dass der frühere Besitzer das Leben der Flosse nicht in einem Schredder beenden ließ und Zufall im richtigen Moment in Ebay entdeckt zu haben.

    Klasse. So was gefällt mir. Vor allem geht es nicht unter wie in einem Forum im Nirwana oder einem Clubmagazin im Karton.

    Chapeu Detlef

  3. Ein Freund von mir hat letztes Jahr den alten 450SEL 6.9 seines Vaters wieder zurückgekauft. War keine schwere Suche, weil der Vater ihn vor etwa 15 Jahren verkauft hatte und das Auto ziemlich kaputt und vergammelt bei dem Käufer in der Ecke stand.

    Der Rückkauf wurde natürlich teuer, weil welcher Verkäufer lässt sich so eine Gefühlskauf entgehen.

    Das Auto hat noch eine ganze Stange Geld gekostet. Aber in solchen Fällen fragt man nicht danach, was es kostet, da will man in dem Auto fahren, wo man schon als Junge mitfuhr, auf der Beifahrerseite.

    Ich finde auch, ist eine sehr schöne Story. Fotos, wie die Flosse jetzt aussieht, würden mich auch mal interessieren.

    Peter M.

  4. Schöner Bericht. Gut geschrieben wie die meisten anderen auch. Ich bin gespannt auf die Fortsetzung. Besonders drauf, wie die Motorüberholung ausgeht.

    Finde ich eine gute Idee das Motorblöckchen, weil man kommentieren kann und das Geschwafel und Geko…. bleibt von Anfang an draußen.

    Klaus

  5. So eine Geschichte hätte ich um ein Haar auch schreiben können. Unser ehemaliger 108er stand in ähnlichem Zustand zum Verkauf, noch mit dem Brandloch einer meiner ersten Zigaretten im hinteren Bodenteppich.

    Ich habe 2 Wochen zu lange überlegt. Großartige Story. Wie sieht das Auto heute aus?

    Wolf

  6. Wenn ich mal dazu komme und der 16-Stunden-Schrauber Jürgen mal Zeit hat, mache ich ein paar Fotos. Ich will ja schliesslich wissen, ob sich die Rackerei gelohnt hat.

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  7. Schöne Geschichte über einen Zufallsfund, zu dem auch viel Glück gehört hat. Mich würden mal die Fotos von dem Auto interessieren, wie es heute aussieht.
    Peter F.

  8. Unser Jürgen. Der gute Geist der Sterne.

    Ich habe heute Jürgens Flosse zum ersten Mal gesehen und dann lese ich hier diese unglaubliche Geschichte. Klasse.

  9. Pingback: Gute Geschichte wiederholt sich

  10. Ein toller Bericht, bei dem ich postraumatische Beschwerden kriege. Ich hätte vor ca. 15 Jahren die Chance gehabt, den alten 2002 er BMW meines Papas wieder erwerben zu können. Der war sogar noch fahrbereit. Aber wie es so ist, wenn man grade gebaut hat und jeden Pfennig umdehen muss. Irgendein Führerscheinneuling hat ihn dann für ein paar Hunderter gekauft und ihn Monate später an eine Leitplanke gehauen. Heute könnte ich mich selbst wohin beißen.

  11. Ohne damit eine Diskussion auslösen zu wollen möchte ich dazu bemerken, daß dieses Auto nicht restauriert sondern von Grund auf neu aufgebaut wurde und abgesehen von Erinnerungswerten für seinen Besitzer, kein wirklicher Oldtimer mehr ist.

  12. Das kleine Sahnehäubchen, mit seinem zusammengefrickelten Heizöl-Ferrari mit H-Kennzeichen Umweltzonen verqualmen und verrußen zu dürfen sei dem guten Mann nach so viel Arbeit gegönnt.

  13. Herr Kupfer, könnten Sie mir per E-mail eine Kontaktmöglichkeit mit Herrn Gregor benennen? Vorab Danke.

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