Der Berg ruft, “mach mal”

Ein Gastbeitrag von Martin Graf

 

Hand aufs Herz. Hat einer von Euch schon was vom Oberhallauer Bergrennen gehört?

Sie sind eine ziemlich verschlossene Gesellschaft, diese Eidgenossen, die sich nach außen gern abgrenzt und schützt vor neugierigen Blicken. Andererseits interessiert die Motosportpostillen beim deutschen Nachbarn kaum, was seit 1922 in Oberhallau am Nordrand der Schweiz abgeht, wenn in dem typischen verschlafenen Dorf mit gerade einmal 400 Einwohnern, Ende August ein Tross von mehr als 200 Rennfahrzeugen unterschiedlichster Typen, Baujahre und PS-Stärken, aufschlägt.

Dann wird auf der 3 Kilometer langen Bergrennstrecke, auf engen, asphaltierten Landsträßchen, Feldstraßen und Wegen, wo sich sonst das Jahr über Bauern mit ihren Traktoren zu ihren Feldern und Weinstöcken mit 8 kmh den Berg hinaufschlängeln und Bäuerinnen gemächlich zu ihren Freundinnen in Nachbardorf radeln, durch die Kurven gejagt, mit Rundenzeiten zwischen 1:13 und knapp 2 Minuten – was Durchschnittsgeschwindigkeiten zwischen 90 und 150 Kilometern pro Stunde entspricht.

Mich interessierte es schon, dafür hatte mir ein weltbekannter Kamera-Hersteller aus Hessenland ein paar seiner nicht eben grade preiswerten Spitzenprodukte für ein paar Wochen in die Hand gedrückt mit der Maßgabe “mach mal…!” Also, nichts wie hin zum Rennspektakel, dass immerhin seit 1926 und bei mir quasi vor der Haustüre stattfindet.

Vermutlich hat das Oberhallauer Fleckvieh es längst in den Genen, im August schon mal aufs Melken etwas zu warten, wenn ein vom Rennfieber gepacktes Dorf tagelang damit beschäftigt ist, entlang der drei Kilometer langen Rennstrecke vom Dorfrand auf den 157 Meter höher gelegenen Oberhallauer Berg, Leitplankenpfosten einzugraben, Leitplanken zu montieren und anhängerweise Strohballen aufzuschichten. Mobilhomes und Werkstattzelte belegen dann jeden freien Quadratmeter Einfahrten, Hofflächen, Scheunen und Wiesen und am letzten August-Wochenende lassen dann schon mal 10.000 Zuschauer und mehr das kleine Dorf aus allen Nähten platzen. 

Legendär ist die „Tarzankurve“ unmittelbar vor der gleichnamigen Zuschauerzone, von der aus ein großer Teil der Gesamtstrecke zu sehen ist. Das improvisierte Fahrerlager umfasst das ganze Dorf und schafft teilweise abenteuerliche Kontraste: Rennfahrzeuge assoziiert man schließlich eher mit Rennstrecken und Boxengassen – und nicht mit Mistwagen oder den Vorgärten von Fachwerkhäusern.

Gepflegte Tradition ist der Gottesdienst, der am Morgen des Rennsonntags per Lautsprecher über die ganze Rennstrecke übertragen wird. In dieser Zeit herrscht absolute Motorenruhe. Wer den Feldgottesdienst mitverfolgen will, bleibt einfach da stehen oder sitzen, wo er gerade ist. Wer im Ort wohnt, kann auch einfach das Schlafzimmerfenster aufmachen und im Bett liegenbleiben. Das machen auch einige Einheimische, sie hat das Rennfieber von Kindheitsbeinen an gepackt und sie haben ihre eigenen Rennfahrzeuge nebenan in der Scheune neben dem Traktor, funktionieren den eigenen Bauernhof für ein paar Tage zum Rennstall um und fahren mit was das Zeug hält.

Bergrennen sind Motorsport für den kleinen Geldbeutel. So sieht man hier manches ehemalige zum Rennauto umgebaute Fahrzeug, genau so, wie inzwischen einige Teams mit ehemaligen DTM-, Formel- oder Rallyefahrzeug anreisen. Eine herrliche Mischung von ehemaligen Familienkutschen bis hin zum nürburgringerprobten 700 PS Boliden. Und wenn dann die tollen Renntage vorbei sind, hat so Mancher auf der Strecke die Kupplung verbrannt, die Maschine überdreht oder die Fliehkräfte in Kurven unterschätzt und gleich das ganze Auto in die Botanik geworfen. Was gar nicht so selten vorkommt – denn wirklich trainieren kann man für Bergrennen außerhalb der Rennwochenenden kaum. Zumindest nicht auf legalem Weg.

Überhaupt hat es der Motorsport schwer in der Schweiz: Seit dem Unfall in Le Mans im Jahr 1955, bei dem über 80 Zuschauer zu Tode kamen, sind Rundstreckenrennen in der Schweiz verboten. Das ist angeblich einer der Gründe, warum sich im Alpenstaat so viele Rennfahrer niedergelassen haben: Sie gelten dort sämtlich als arbeitslos und können ihren Beruf nur im Ausland ausüben.

Die Schweizer „Bergrenner“ juckt das nicht; zum einen, weil sie sowieso Amateure sind; zum zweiten, weil eine Mischung aus Gesetzeslücke und Tradition Bergrennen erlaubt; zum dritten, weil das Eidgenössiche nie eine Touristenveranstaltung sein wird, kein Rennauto-Oktoberfest, das war und bleibt rein Schweizerisch, im guten wie im Schlechten.

Immerhin 14 dieser Veranstaltungen gibt es pro Jahr. Nicht als festen Rennzirkus wie die Formel 1 oder die DTM; jeder nimmt so teil, wie es Zeit und Geld erlauben – und natürlich abhängig davon, ob das eigene Fahrzeug auf den Rädern oder gerade mal wieder in der Werkstatt steht.

Wenn Sonntag Abend der Renn-Tross wieder von dannen zieht, wird alles wieder abgebaut, die Traktoren und sonstiges bäuerliches Gerät können wieder in ihre Scheunen zurück, an den Schlafzimmerfenstern röhren keine Rennwagen mehr vorbei, auf der Rennstrecke fahren die Traktoren wieder gemächlich mit 8 – 10 kmh und das Oberhallauer Fleckvieh wird wieder pünktlich gemolken.  Bis zum nächsten Jahr.

Ich würde mich freuen, wenn Euch meine Fotos in der Galerie gefallen.

Martin Graf

P.S. Bevor ich es vergesse: Die Leica M9… ein tolles Stück Technik und sagenhafte Optiken – aber als Messsucherkamera für Aufgaben wie Motorsport überhaupt nicht geeignet. Zumindest nicht, wenn man den Komfort moderner Digital-SLR’s gewohnt ist. Andererseits: Sind die Autos, die hier fahren, dafür gebaut worden, möglichst schnell und laut einen Berg hinaufzufahren? Eben.

Oberhallau Bergrennen 2010 Autorennen in der Schweiz.

9 Gedanken zu “Der Berg ruft, “mach mal”

  1. @ Martin,

    anschauen, genießen und F….. halten ist am besten. Aber alleine für das “alpinemäßige” Foto ganz unten links hast Du den großen Sonderpreis verdient.

    Michael B.

  2. Den Beitrag hab ich jetzt erst durch den Link von “Daniel” überhaupt entdeckt.

    Sehr schön. Und dabei bildet man sich immer ein, die wahren Automobilisti seien wir. Die Fotos sind auf jeden Fall so was von spitz. Der Tintenstrahldrucker neben mir rattert schon… :-)

  3. @ Autosol,

    wenn Du neben in den “TAG’s” auf “Fotos” klickst, öffnen sich – fast – alle älteren Beiträge mit entsprechenden Fotos.

    :-)

  4. Als Fan der etwas bewegteren Gangart finde ich natürlich den Bericht und vor allem die professionellen Fotos auch große Klasse.

  5. Superaffeng…. Fotos. Mein Farbdrucker rattert auch … schon zum dritten Mal :-D

    P.S.Mehr davon!!!

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