14.000 km bis Shanghai…

eine Rallye für Enthusiasten.

Ein Gastbeitrag von Günter Mergelsberg, Bad Homburg

Start HH

Es war wohl die bisher ungewöhnlichste Art, um von Hamburg nach Shanghai zu kommen – 40 Fahrzeuge, alle über 20 Jahre alt, Motorräder, Pkw, Geländewagen und Lkw haben sich Ende Mai 2006 auf den Weg gemacht, um auf dem Landweg bis nach China zu fahren. Dass von den Teilnehmern vierzehn einen Mercedes fuhren, war eher Zufall; der schwarze 300 d (Adenauer) von 1959 war der vornehmste; der Lastwagen L 334 K (Kipper) der ungewöhnlichste. Für den R/C 107-Liebhaber ist zu erwähnen, dass sich ein Roadster und drei Coupe auf den Weg gemacht haben. Sie waren im Fahrverhalten und in der Zuverlässigkeit jedoch keineswegs zu unterscheiden vom gesamten Tross, denn es gab sowohl Ausfälle an der Benzineinspritzung, den Anlasserkohlen und den Auspuffanlagen als auch einen „Durchmarsch“ durch alle Strapazen.

Mit dabei ein FORD “Pheaton” 1930…

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Die Strecke führte erst einmal über Polen, Litauen, Lettland und Estland nach St. Petersburg. Eine abwechslungsreiche Fahrt durch blühende Landschaften mit kurzen, aber sehr herzlichen Kontakten zur Bevölkerung war es trotz des vielen Regens. Wo wir Station machten, bildeten sich Menschentrauben um unsere Fahrzeuge. Die ein- bis zweitägigen Besuche in den Städten Danzig, Kaliningrad (Königsberg), Riga und Tartu blieben uns, um persönliche Eindrücke zu gewinnen und das Baltikum kennen zu lernen.

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Für einige Teilnehmer war es ein Wiedersehen mit der alten Heimat. Da St. Petersburg eine Partnerstadt von Hamburg ist, blieben wir hier drei Tage – eigentlich noch zu kurz für eine so aufregende Stadt, deren Pracht sich nicht nur in den Palästen, Kirchen und Parks, den Brücken und Grachten, der Newa und den Häfen zum Finnischen Meerbusen wiederspiegelt. Etwa 50 bedeutende Museen stehen zur Auswahl.

Lkw

Insgesamt blieben 33 Tage für die Fahrt durch Russland zur Verfügung. Die Straßenverhältnisse wurden schlechter, da der Belag nach den harten und langen Wintermonaten nur teilweise und oft provisorisch geflickt wird. Es hieß höllisch aufpassen: die Schlaglöcher sind größer als bei uns und oft auch auf frisch renovierten Fahrbahnen, denn durch den Schwertransport gibt es Verwerfungen, die man nicht mehr als Spurrillen bezeichnen kann; die Seitenränder sind nicht mehr befestigt, sondern nur geschottert; in den Städten fehlten sehr oft die Gullydeckel, so dass man immer genügend Abstand zu vorrausfahrenden Fahrzeugen halten musste; viele russische Lkw  sind überladen, haben Federnbrüche sowie abgefahrene Reifen und werden nicht gerade rücksichtsvoll gesteuert.

Da sich Mitte Juni das Wetter gebessert und die Sonne den Regen verdrängt hatte, konnten wir Moskau und Nizny Novgorod mit der Mündung der Oka in die Wolga richtig genießen. Überrascht waren wir von dem Glanz der Tatarenhauptstadt Kazan. Nach Ufa verließen wir Europa und hatten rund 4.000 Kilometer hinter uns. Bei der Überquerung des Urals fühlten wir uns wie im Schwarzwald, im Allgäu und im Tessin. Höhenzüge um 1.200 m mit Almwiesen und Bergseen – und die Kühe stehen unbeirrt auf den Fernverkehrsstraßen.

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Alle Städte aufzuzählen, die riesigen Industrienanlagen, Hochöfen, Raffinerien und Kohlengebiete zu erfassen, an denen wir vorbei fuhren, ist unmöglich. Es bleibt der beißende Geruch von Schwefel und Abgasen, der uns oft über hunderte von Kilometern begleitete. Der Wechsel von einem Extrem in das andere kam unverhofft, die teilweise verlassenen Dörfer mit den armen und nicht unzufriedenen Bauern, die eine Kuh oder zwei Ziegen ihr Eigen nennen, die heruntergekommenen Vorstädte, in denen es keinen Straßenbelag, sondern nur Schotter, Lehm und Sand gibt, die herausgeputzten Alleen mit den Kriegerdenkmälern und den Prachtfassaden von renovierten Palästen, Patrizierhäusern, Villen. Ob Omsk, Novosibirsk am Ob oder Krasnojarsk mit drei Millionen Einwohnern, wir sahen das größte Wasserkraftwerk Russlands und den Aufschwung in das 21. Jahrhundert – und dann in Kansk, Tajset und Tulun die Vergangenheit aus der Stalinzeit mit den Fabriken der 1950er Jahre.

Die M 5 (später M 51 bis 55) als einzige Verbindung durch Sibirien in West-Ost-Richtung, die als Autobahn bzw. Schnellstraße ausgeschildert ist, wurde zur reinsten Strapaze – über Streckenabschnitte von bis zu 30 Kilometern waren seit Jahren der Belag entfernt und der Unterbau durch schwere Fahrzeuge in eine Kraterlandschaft verwandelt, und was der Regen nicht geschafft hat, erledigten die Riesenbagger mit der Verlegung von Pipelines quer und längs zur Fahrbahn. Brücken sind so baufällig, dass man das Schlimmste befürchten muss. Trotzdem haben wir den Baikalsee erreicht, der mit seinen 638 km Länge und bis zu 1.000 Metern Tiefe der größte Binnensee der Erde ist. Hier feierten wir den 60. Geburtstag des Lkw-Teilnehmers, der aus seiner hessischen Heimat genügend Apfelwein etwa 9.000 km weit mitgebracht hatte. Den gegrillten Fisch Omul, eine Spezialität aus dem See, gab es fangfrisch dazu.

Noch 1.000 Kilometer – am Seeufer entlang, durch Ulan Ude wieder ins Gebirge, dort eine Übernachtung im eigenen Zelt, dann folgt der Grenzübergang in die Mongolei. Bisher waren wir immer in Hotels untergebracht, die mal bis zu fünf Sterne bieten konnten, leider aber auch oft nur russischem Standard mit primitiver Ausstattung und für uns ungewöhnlichen sanitären Einrichtungen entsprachen.

In der Mongolei gibt es neben wilden Pferden auch Kamelherden, die sich nicht am Straßenverkehr  stören…

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Die Grenzübertritte waren immer ein unberechenbares Ereignis; diesmal ging es recht zügig, und auf mongolischer Seite wurden wir schon von Guides erwartet, die uns durch das ganze Land begleiteten. In Ulan Baatar, der Hauptstadt mit 1,3 Mio. Einwohnern – das ganze Land hat 3,2 Mio. Einwohner, ist aber mehr als viermal so groß wie Deutschland – nahmen wir am „Naadam-Festival“ teil, das jährlich über drei Tage verläuft und diesmal mit dem 800. Gedenktag der Herrschaftsübernahme von Dschingis Khan zusammenfiel. Alles war auf den Beinen; im Stadion die verschiedenen Wettkämpfe im Ringen und Bogenschießen; außerhalb auf den riesigen Weiden die Reiterwettkämpfe. Wir sahen ein bedeutendes Rennen: etwa 900 Teilnehmer bei dem 10-Kilometer-Ritt der dreijährigen Mongolenpferde – geritten von sechs- bis zwölfjährigen Kindern.

Für uns ging es weiter, und nach einer üblichen Tagesstrecke war die Fahrbahn plötzlich zu Ende. Über 10.000 Kilometer haben wir mehr oder weniger gut geschafft, und nun standen wir vor der Gobi (mongol.: Wüste) – Fahrspuren im Sand zeigten an, dass es wohl möglich ist, dort zu fahren, aber es gab keine Begrenzungen mehr; außer uns kein Fahrzeug weit und breit. Die Richtung konnte man ahnen, den Weg musste man selber wählen.

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Jeder konnte rechts oder links am anderen vorbei fahren, eine neue Spur machen – gerade wie es passte. Nun hatten die Geländewagen ihren Auftritt. Wir mit den Pkws blieben meist in einer Staubwolke zurück. Fünf Tage sollte das nun so sein. Je nach Strecke schafften wir 30 bis 120 km, denn der anfängliche Sand war schnell vorbei – es folgte Steinwüste. Die Unebenheiten nahmen zu, die Querrillen kamen von den Auswaschungen durch den Regen, die Brocken waren oft ziegelsteingroß. Und es ging bergauf und bergab sowie durch ausgetrocknete Bachläufe. Übernachtet wurde im Zelt, der Proviant war vorher in Ulan Baatar besorgt worden. Wildpferde und Kamele blieben unbeeindruckt, wenn wir an ihnen vorbei fuhren. Ab und zu ein Nomadenzelt mit Schafen oder Pferden. Orientierung gab uns die Transsibirisch-Mongolische Eisenbahn, die schon in Russland weitgehend mit unseren Streckenverlauf identisch war und nach Peking führt. Zwei dieser Tage wird wohl keiner vergessen – es regnete in der Wüste. Die Zelte nass, die Kleidung klamm, die Fahrzeuge verdreckt und reparaturbedürftig, die Essenszubereitung auf das Mindeste beschränkt. Und bei der Weiterfahrt blieb man stecken oder rutschte weg – wie auf Schmierseife. Die Monteure auf dem Service-Lkw hatten alle Hände voll zu tun, um gebrochene Querlenker, Achsen und vor allen Auspuffanlagen zu reparieren. Mit den Schweißgeräten wurde auf Hochtouren gearbeitet. Doch mancher Oldtimer hat seit dieser Zeit das Dröhnen eines Rennwagens, weil passende Ersatzteile nicht vorhanden sind. Sehnsüchtig erwarteten wir die Grenzstadt nach China.

Auch wenn der Grenzübertritt diesmal knapp acht Stunden dauerte, sind alle erleichtert. In China sind die Motor-Nummern wichtiger als alle anderen Fahrzeugdaten, und jedes Fahr-zeug erhält eine neue Zulassung mit neuem Nummernschild; jeder Fahrer bekommt einen chinesischen Führerschein, auf dem für uns nur das Foto zu identifizieren ist – alle Angaben sind in chinesischer Schrift. Das Schönste für uns war jedoch, dass es nun wieder Straßen gibt, wie wir sie in Deutschland gewohnt sind.

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Hier hatten wir ebenso Tour-Guides, die uns ihre Städte zeigten und durch ihr Land führten. Es gibt vieles zu berichten, etwa, dass unsere Ankunft in jeder Stadt bekannt war; dass uns riesige Transparente begrüßten mit Menschenmassen, die auf uns warteten. Dass wir in Dantong einen Fahrzeugkorso durch die Stadt veranstalteten, bei dem mehr als 100.000 begeisterte Zuschauer am Straßenrand standen und uns zujubelten. Wir besuchten die Yungang-Grotten mit den Buddha-Statuen von 2 cm bis 14 m Größe, das an einer Bergwand hängende Kloster in Hunyuan und die älteste Holzpagode in Yinxian. Und dann kamen wir vor der Einfahrt nach Peking an die Chinesische Mauer; sahen in der Stadt den Platz des Himmlischen Friedens, die „Verbotene Stadt“ und den Sommerpalast des chinesischen Kaisers. Wir übernachteten in Vier- und Fünf-Sterne-Hotels, wanderten auf dem Heiligen Berg Taishan, besuchten den Tempel von Konfuzius, sahen die „Kleine Terrakotta-Armee“ und die Ming-Gräber. Und immer wieder die Willkommenszeremonien mit den Bürgermeistern der Städte.

Am 66. Tag der Rallye war der Zieleinlauf  im Park des Staats-Gäste-Hauses in Shanghai – unserem Hotel für die nächsten acht Tage. Vor 20 Jahren begann die Partnerschaft mit Hamburg, die der eigentliche Anlass zu diesem Abenteuer war. Wieder ein großer Empfang mit Vertretern der Stadt, der deutschen Wirtschaftsvertretung, der chinesischen Handelskammer. Drei Tage lang berichteten die Zeitungen von denen aus Deutschland, die jetzt 14.000 Kilometer zu Ihnen hinter sich gebracht hatten. Die Polizei sperrte mit hunderten Polizisten alle Kreuzungen und die Stadtautobahn, damit wir alleine darüber fahren, unsere Autos präsentieren konnten – begleitet von einer Motorradeskorte auf ihren nagelneuen BMW-Maschinen. Das Gleiche noch einmal, als wir drei Tage später zum 25 km entfernten Überseehafen fuhren, um unsere Fahrzeuge für den Schiffstransport nach Deutschland aus der Hand zu geben.

Noch einige Tage blieben wir in der 16-Millionen-Stadt, um nach Besichtigungen, Hafenrundfahrt, Shopping und einer Fahrt mit dem Transrapid-Zug zum Flughafen den Heimflug anzutreten. 12 Stunden später setzten wir in Frankfurt/Main den Fuß wieder auf heimischen Boden. Die Fahrzeuge konnten wir dann acht Wochen später in Bremerhafen unbeschadet abholen.

Günter Mergelsberg

Obiger Reisebericht erschien im Club-Magazin des R/C 107 SL-Club Deutschland e.V., Ausgabe 4/2006…

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…und die Blessuren der langen Fahrt und die letzten mit nach Deutschland gebrachten Reste der Wüste Gobi entfernten wir dann 2007 in der Sterngarage bei Detlef Kupfer…

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und hier gibts noch weitere Fotos…  

 Album 

 

5 Gedanken zu “14.000 km bis Shanghai…

  1. Voigt,

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