1892… Motorphobie, Steinewerfer und Drahtseile

1920 er Rücksichtslose Autofahrer - Arthur Thiele

Die Motorisierung des Individualverkehrs war nicht nur mit einem Zugewinn an Freiheit und Effizienz verbunden, sondern führte bereits vor der massenhaften Verbreitung des Autos zu Konflikten und teilweise gewalttätigen Widerständen, der sich vor allem auf dem Land manifestierte, wo man die lärmenden, viel Staub aufwirbelnden Vehikel mit Steinen und Mist bewarf und mit über die Straßen gespannten Seilen zum Stehen brachte.

Auto B.K.W.I. 324-5 sign. Schönpflug I-II

Diese antiautomobilen Proteste auf dem Land standen in der Tradition des “Sozialrebellentums”, das noch unter dem Eindruck der rücksichtslosen Ausbeutung des Feudalismus stand und in der Frühzeit vom rücksichtslosen Jagdvergnügen des Adels provoziert worden war, dem gleichen Adel und der anderen – allesamt schwerreichen – Automobilisten, die sich jetzt damit brüsteten, “wie viele Hühner sie auf ihrer letzten Ausfahrt überfahren hatten. Immer wenn wir zu Hause ankamen, war der Kühler voller Federn”. Und Hunden und Katzen ging es kaum besser.

06_18_137Der Volkszorn gegen rücksichtlose Raser führte zu vereinzelten Ausbrüchen von Anti-Auto-Terrosrismus, wie etwa dem spektakulären Steinwurf 1905 auf den Wagen des Großherzogs von Hessen bei einer Fahrt durch Friedberg. Es handelte sich “natürlich nicht um ein Attentat auf das Fürstenpaar” schrub damals die “Automobil-Welt”. Der Steinewerfer habe “eben einmal wieder nach Automobilen schmeissen wollen und nicht bedacht, dass in dem Wagen sein Landesfürst sitzen könnte…”

11.08.05 Simpli-Steuern

Acht Jahre später verunglückte ein Berliner Juwelier – Ehepaar bei einem Attentat tödlich. Autogegner hatten bei Henningsdorf ein Drahtseil über die Strasse nach Berlin gespannt. Der empörte ADAC gründete sogleich einen Fonds zur “Eruierung der Verüber büberischer und verbrecherischer Anschläge auf Automobilisten”.

1920 Drahtseil - Attentate - Erfindung Overbeck

Die Widerstände gegen das neue Fortbewegungsmittel der reichen Bourgeoisie flauten erst in der Weimarer Republik wieder langsam ab. Deutschland beschritt in diesem Modernisierungsbereich keinen Sonderweg. Überall provozierte die zunehmende Verbreitung des Automobils den gewalttätigen Unmut der Nicht-Motorisierten oder inspirierte Künstler zu satirischen Karrikaturen, wie hier im Simplissisimus “Der natürliche Tod in Berlin” ▼

34_32_395 Der natürliche Tod in Berlin-Ausschnittoder hier aus dem Jahr 1904 “Der Tanz der Überautomobilisten um den Übermotorwagen”

1904 Parodie auf den Überwagen

Doch die Abneigung war nicht grundsätzlicher Natur: Nirgends wurde Autofeindschaft zum Massenphänomen. Und mit dem zunehmenden Angebot auch für weniger betuchte Käufer, speziell ab dem Volksmotorisierungsprogramm von Adolf Hitler ab 1933, geriet der Protest gegen das Auto zur vorübergehenden Zeiterscheinung.

.

Ein Gedanke zu “1892… Motorphobie, Steinewerfer und Drahtseile

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>