2 – Frankfurt Ma(e)in Gallus

2013.10.06 FFM 027-B2

2009 schrub ich über den “Untergang des Westviertels”…

“…Ein so bezeichnetes Westviertel in meiner Heimatstadt gibt es eigentlich gar nicht. Nur ein Westend, was zum größten Teil in den 70ern von Häuserspekulanten und einem Oberbürgermeister Rudi Arndt platt gemacht wurde. Eigentlich hieß das Westviertel immer Gallus. Es war ein reines Arbeiterviertel, wo meine Eltern mit mir genau am 03. Dezember 1955 hinzogen, wo ich fortan aufwuchs, in die Schulen ging und bis 1985 lebte…”

Der zweite Tag nach unserem Umzug in das Gallus, um den 05. Dezember 1955 herum, in die Kölner Strasse Nr. 27, wird mir ewig in Erinnerung bleiben. Früh morgens rief ein Freund meines Papas aus Hamburg an und als er abhob, hörte er zuerst ein “Gott sei Dank, ihr lebt…”. Was wir in unserem neuen Zuhause garnicht mitbekommen hatten, war, dass zwei Stunden vorher nur etwa 200 Meter entfernt, ein ebenfalls grade neu bezogenes Mietshaus, Kölner Strasse 14, durch eine Gasexplosion in die Luft geflogen war und die deutschen Radiosender überschlugen sich in den Frühnachrichten mit Meldungen über das Unglück und die vielen Toten…

1955 Gasexplosion Kölner Strasse - 1

1955 Gasexplosion Kölner Strasse - 2

1955.12.05 Gasexpolsion Kölner Straße

Über meine Kindheit im Gallus gäbe es viel zu schreiben. Ich will versuchen, die kleinen Merkzettelchen nach und nach zusammenzufügen und diesen Artikel zu ergänzen.

So schrub ich am 05.02.2014 hier “Kind, vergiss Mensch ärgere dich nicht”:

“Gestern Abend zappte ich im Web und hatte plötzlich, nichts Böses ahnend, ein Filmchen über die Spielwarenmesse in Nürnberg drauf – und ich blieb, was selten vorkommt, bis zum Schluss. Denn das, was ich dort sah, das erschien mir zutiefst surreal, fast schon wie ein gesellschaftskritischer Kurzfilm oder wie das ehemalige Nachrichtenmagazin jetzt schrub:

“Lebender Sand, intelligente Knete und Smartphones, die über Brettspiele wachen: In Nürnberg hat die weltweit größte Spielwarenmesse geöffnet. Der Technik-Trend im Kinderzimmer hält an…”

Gegenbild: Wir – also ich und die Nachbarskinder ringsum im Westviertel – wir wurden Anfang der 50er nach Erledigung der Hausaufgaben, früher einfach ganz unverchipt vor die Tür gestellt: “Draußen ist schönes Wetter, lass dich hier bis zum Abendbrot nicht mehr blicken”. Und dann mussten wir uns selbst etwas beibringen, uns eigene Spiele ausdenken, Expeditionen durch die dunklen Keller vom Krieg zerstörter Häuser starten, ein paar Ameisen wurden unfreiwillig zu Passagieren auf unseren aus alten Holzbrettern gebauten Holzschiffchen, die wir auf dem Weiher in der Friedrich-Ebert-Anlage auf große Fahrt über den Ozean gehen liesen, der wilde Schrottplatz der früheren Autoschlosserei gegenüber, zur Kreativwerkstatt für zukünftige Autobauer, das Lenkrad und die alten Achsen nebst verdellten Felgen eines Vorkriegsautos und ein paar Holzkisten, zum Rennwagen, mit dem wir uns auf den Traumberuf Rennfahrer bei Mercedes – Benz vorbereiteten… es ist eigentlich ein Wunder, dass wir überhaupt noch leben.

1955... die ersten Jahre-1000

Damals wurde uns von ehrgeizigen Müttern und Vätern kein Spielzeug für den späteren Erwachsenen gekauft – und es kam durch das selbst Erlebte trotzdem einiges an Imagination zusammen, von der ich heute noch zehre: die Hundebalgerei in der Frankenallee zum Sozialkundeunterricht, die unheimliche Strassenecke Kriegstrasse / Lahnstraße, wo Nazischergen in den allerletzten Kriegstagen, Dank Mithilfe noch um den Endsieg bangender Nachbarn, zwei aus den Adler – Werken geflohene, junge, polnische Zwangsarbeiter per Knickschuss hinrichteten, zu meinem Pazifismus und Misstrauen gegenüber dem braven Bürgertum, egal ob oben oder unten, die Auschwitz – Prozesse im Haus Gallus und zur heutigen Abscheu vor menschenverachtenden Rechtsaußen und Zynikern, die ‘den Negern’ den Verbleib in Afrika anraten, obwohl sie den neuesten Armutsbericht neben sich liegen haben und wissen, was dort tagtäglich an Morden geschieht…”

2013.10.06 FFM 015

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 ▲ Im Juli 2015 im leerstehenden, ehemaligen BMW Autohaus Glöckler aufgenommen, wenige Wochen vor dem Abriss.

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7 Gedanken zu “2 – Frankfurt Ma(e)in Gallus

  1. Pingback: Untergang des Frankfurter Westviertel | MotorBlöckchen

  2. Hallo Herr Kupfer,
    erinnern Sie sich? Kölner Straße 22. Wir sind beide auf die Günderrodeschule gegangen. Sie aren eine Klasse unter mir. Mein großer Bruder Werner hatte Sie in den ersten Schulwochen morgens dorthin begleitet und Ihnen später um 1960 herum Ihre erste Märklin- Eisenbahn zusammengebaut, bevor wir kurz danach nach Hamburg umgezogen sind. Wir erwachsen gewordenen Jungs aus dm Gallusviertel sollten uns unbeingt einmal wiedersehen. Der Rest steht in meinem E-Mail. Ihre Bilder hier und in anderen Themen anzuschauen, war mir eines der größten Vergnügen der ganzen letzten Jahre. Großen Dank.

  3. Tolle Fotos !!!
    Ich suche Fotos von der Weilburger Str. 6 ab ca 1958 bis 1964.
    Damals war dort die einzige Werksvertretung der Firma FMR
    besser gekannt als Nachfolger der Messerschmitt AG.
    Außerdem Fotos vom Scheffeleck- Escherheimer Anlage 16
    dort hatte die Motorcompanie seinen Sitz .
    Freue mich über jedes Foto bzw. Angebot
    Ich beschäftige mich seit über 30 Jahren mit dem Thema
    Messerschmitt und versuche nun die Lücken aus näheren
    Umgebung zu schließen
    Vielen Dank
    Wolfgang Kraus

  4. Hallo Herr Nachbar Kupfer. Ich bin in der Sindlinger Straße groß geworden und habe wie Sie, die Hufnagelschule besucht. Nur alles 10 Jahre später als Sie. Großen Dank für diese schöne Webseite. Ich hoffe, Sie ergänzen sie weiterhin. Gruß aus meiner neuen Heimat, aus Landsberg am Lech

  5. Guten Tag Herr Kupfer

    Zunächst einmal vielen Dank für Ihre schöne und ausführliche Internet-Seite.

    Eine Frage habe ich: Wie hieß der Garagenhof mit der ehemaligen Tankstelle in der Kölner Straße, gegenüber dem Kiosk.

    Freundliche Grüße und weiterhin viel Erfolg mit Ihrer wunderbaren MotorBlöckchen-Seite.

    gez. Georg-Ulrich Hehr

  6. Danke für den Link bei FB. Ich bin selbst zwischen 1956 und 1992 dort aufgewachsen, bin zur Schule gegangen und … habe meine Frau dort kennengelernt. Großartige Fotos.

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