Untergang des Frankfurter Westviertel

14.01.11 FFM Gallus 019

Ich mag die toten Automarken. Adler, Facel Vega, Veritas, Lagonda, Authenried und seit ich vor etwa 15 Jahren die ersten Bücher über Automobilhistorie in Händen hielt, kamen Namen wie Panhard, Bristol, Simca, Peugeot und viele andere mehr dazu. Hauptsächlich aber auch, weil ich von Kindesbeinen an, an einer chronischen Francofortitis leide und sie damals im Gegensatz zu heute, halt unverschämt gut aussehende Autos gebaut haben…

Alle nachfolgende Bilder zum Vergrößern anklicken…

CONVAR5923_800x800_300KB

und teilweise Meilensteine in der Automobiltechnik gesetzt haben, von denen heute so gut wie niemand mehr etwas weiß. Aber ich mag sie auch, weil wenn ich heute Autos dieser Marken irgendwo entdecke, kann ich sicher sein, dass kein PR – Heini einer Automobilfirma hinter dem Steuer einer rollenden Autoverkaufsplakatwand sitzt, und kein Kauf-Mich-Journalist daneben, dessen Postille mich hinterher mit Werbebotschaften zuschwallt, um mir das neue Modell aufs Auge zu drücken.

Ein so bezeichnetes Westviertel in meiner Heimatstadt gibt es eigentlich gar nicht. Nur ein Westend, was zum größten Teil in den 70ern  von Häuserspekulanten und einem abgefuckten Oberbürgermeister Rudi Arndt platt gemacht wurde. Eigentlich wurde das Westviertel von Bewohnern anderer Stadtteilen immer etwas herablassend Gallusviertel genannt, wobei die Betonung auf “Viertel” lag, richtigerweise heißt es natürlich Gallus. Es war ein reines Arbeiterviertel, wo ich am 03. Dezember 1955 hinzog und fortan aufgewachsen war und bis 1985 dort lebte.

CONVAR4703_800x800_300KB

Kaum jemand weiß heute, dass hier um die Ecke in den ADLER – Werken von Heinrich Kleyer, schon Ende der 30er Jahre das damals wohl modernste Serienautomobil Deutschlands entstand, der von Ingenieur Karl Jenschke entwickelte Adler 2,5 Liter Typ 50, ein Auto was ich heute jeder Pagode vorziehen würde…

…und das in der Frankenallee 98 (heute Autohaus Gruber) in den 20er Jahren Tatra Limousinen in für den deutschen Markt in Lizenz gebaut wurden…

1910 ca.

…dass sich von hier aus schon 1910 Franz Verheyen, einer der ersten Flugapparatebauer Deutschlands, in die Lüfte erhob…

1920 er Kuhwald - Adler Ludwig Kelting

und am Rebstock – Gelände der erste Frankfurter Flughafen war, von dem aus schon in den 20er Jahren, Bürger, die es sich damals leisten konnten, mit Ludwig Kelting in seinem “Adler” zu einem Rundflug über ihre Stadt abhoben…

1929 Raketen - Fritz von Opel

…dass hier am Rebstock, am 30. September 1929, “Raketen – Fritz” von Opel den ersten bemannten Raketenflug der Welt machte (wenn auch mit sehr unsanfter Landung)…

1960 er GvO Blechschild - 2

1928 Georg von Opel Neubau Mainzer Landstrasse

1960 er GvO Blechschild - 1

▲ dass hier Georg von Opel schon 1928 das damals modernste Autohaus Deutschlands auf der Mainzer Landstrasse errichtete…

wo am 24. Januar 1950 das erste Mal in Deutschland ein Auto durch eine Autowaschanlage im Autohaus Georg von Opel fährt. Die Firma “Washmobile Deutschland” hat mit der Anlage nach amerikanischem Vorbild die erste Waschanlage für Autos in Europa aufgestellt. Die Reinigung erfolgte hier noch nicht automatisch (Quelle: BR)

1950 Waschanlage bei Georg von Opel

und auch nicht darüber,

1939 Maybach SW38 Stromlinie

…dass im Westviertel bei Dörr & Schreck Ende der 30er Jahre unter anderem edele MAYBACH Karosserien gebaut wurden, genau so wie 1939 im Auftrag der Gummiwerke Fulda der nach den aerodynamischen Erkenntnissen von R. Freiher Koenig – Fachsenfeld entworfene Stromformwagen. Der Wagen lief als Testwagen für Automobilreifen.

Fulda-Mobil

 

 

 

  Fulfa-Mobil02

 

 

 

 

 

Im Westviertel, bei mir um die Ecke, wurden damals ganz bedeutsame Automobilentwicklungen durchgeführt. Sie waren die Voraussetzungen dafür, dass nach dem Krieg so manche schicke Karosserie entstehen konnten

09.10.08 A T E 001

09.10.08 A T E 026

Nur wenige hundert Meter von den Adler – Werken entfernt in der Rebstöcker Straße wurde 1909 vom ehemaligen Handesvertreter für Autozubehör Alfred Teves zunächst die Mitteldeutsche Kühlerfabrik und 1911 die ATE Bremsenfabrik gegründet, wo bereits Anfang der 20er Jahre wegweisende Entwicklungen durchgeführt und technologische Grundsteine gelegt wurden, die dafür sorgten, dass so mancher 200-kmh-und-mehr-Flitzer in den 50er / 60er Jahren wieder zum Stehen gebracht werden. Beispiel Ende der 60er Jahre das ABS – System.

Der Untergang des Westviertels begann Anfang der 60er Jahre. Adler gab nach dem Kriege – 1948 – den Autobau auf. 1949 begann der Motorradboom, man baute sehr erfolgreich Motorräder, gab aber die Produktion 1957 wieder auf – der Markt steckte in einer Krise. ATE Alfred Teves ging es ähnlich. 1967, während ich grade meine Lehre dort machte, Verkauf an Amerikaner.

1963 vor Autohaus Roth - Borgward▲  Die Frankfurter kauften bis mindestens 1963 ihren “Borward” beim Autohaus Roth in der Camberger Strasse. Mit einem der bis dahin größten Konkurse der Nachkriegsgeschichte der Firma Borgward, verschwand auch dieser Name aus dem Westviertel Gallus.

 

Hinweis:

Bis hier hin ist es für heute erst mal Schluss. Diese Seite wird hier fortgesetzt:

1893… Frankfurt, eine Wiege des Automobils

Frankfurt Ma(e)in Gallus in Fotos

.