Zettelkasten 19.02.2014; Leim, Lack und Leidenschaft

14.02.20 Karussellauto 008

Irgendwo muss die ganze beim Blick aus dem Fenster aufwallende Leidenschaft ja hin, wenn man keinen 4-rädrigen Unterleib mehr hat, mit dem man bei den frühlingshaften Temperaturen mal schnell ein paar Kilometer cruisen kann und einen dann der Gedanke erschaudern lässt, dass im Sommer vielleicht ein Zahnwaltotheker mit diesem Traum von Auto an mir vorbeifährt..

14.02.20 Karussellauto 001

14.02.20 Karussellauto 004

14.02.20 Karussellauto 002

14.02.20 Karussellauto 011

Zum Ausgleich war ich gestern Nachmittag zum Holzstaub-, Leim- und Lackschnüffeln mal wieder im Paradies.

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Kind, vergiss doch Mensch ärgere dich nicht

14.02.04 Mühlheim 006

Gestern Abend zappte ich im Web und hatte plötzlich, nichts Böses ahnend, ein Filmchen über die Spielwarenmesse in Nürnberg drauf – und ich blieb, was selten vorkommt, bis zum Schluss. Denn das, was ich dort sah, das erschien mir zutiefst surreal, fast schon wie ein gesellschaftskritischer Kurzfilm oder wie das ehemalige Nachrichtenmagazin jetzt schrub:

“Lebender Sand, intelligente Knete und Smartphones, die über Brettspiele wachen: In Nürnberg hat die weltweit größte Spielwarenmesse geöffnet. Der Technik-Trend im Kinderzimmer hält an…”

Gegenbild: Wir – also ich und die Nachbarskinder ringsum im Westviertel – wir wurden Anfang der 50er nach Erledigung der Hausaufgaben, früher einfach ganz unverchipt vor die Tür gestellt: “Draußen ist schönes Wetter, lass dich hier bis zum Abendbrot nicht mehr blicken”. Und dann mussten wir uns selbst etwas beibringen, uns eigene Spiele ausdenken, Expeditionen durch die dunklen Keller vom Krieg zerstörter Häuser starten, ein paar Ameisen wurden unfreiwillig zu Passagieren auf unseren aus alten Holzbrettern gebauten Holzschiffchen, die wir auf dem Weiher in der Friedrich-Ebert-Anlage auf große Fahrt über den Ozean gehen liesen, der wilde Schrottplatz der früheren Autoschlosserei gegenüber, zur Kreativwerkstatt für zukünftige Autobauer, das Lenkrad und die alten Achsen nebst verdellten Felgen eines Vorkriegsautos und ein paar Holzkisten, zum Rennwagen, mit dem wir uns auf den Traumberuf Rennfahrer bei Mercedes – Benz vorbereiteten… es ist eigentlich ein Wunder, dass wir überhaupt noch leben.

14.02.04 Mensch ärgere dich nicht 008

Damals wurde uns von ehrgeizigen Müttern und Vätern kein Spielzeug für den späteren Erwachsenen gekauft – und es kam durch das selbst Erlebte trotzdem einiges an Imagination zusammen, von der ich heute noch zehre: die Hundebalgerei in der Frankenallee zum Sozialkundeunterricht, die unheimliche Strassenecke Kriegstrasse / Lahnstraße, wo Nazischergen in den allerletzten Kriegstagen, Dank Mithilfe noch um den Endsieg bangender Nachbarn, zwei aus den Adler – Werken geflohene, junge, polnische Zwangsarbeiter per Knickschuss hinrichteten, zu meinem Pazifismus und Misstrauen gegenüber dem braven Bürgertum da unten, die Auschwitz – Prozesse im Haus Gallus und zur heutigen Abscheu vor menschenverachtenden Rechtsaußen und Zynikern, die ‘den Negern’ den Verbleib in Afrika anraten, obwohl sie den neuesten Armutsbericht neben sich liegen haben und wissen, was dort tagtäglich an Morden geschieht…

und zu meinen schönen Imaginationen, unter vielen Erinnerungen in den Kartons im Keller, das wie einen Schatz behütete, alte Reise – “Mensch ärgere dich nicht” von meiner Mutter, mit dem sie mit mir Anfang der 50er während der langen Fahrten zu dem Strand in Rimini, auf dem Rücksitz spielte. Während die heutigen Kinder, allseits behütet, umsorgt und betütert heranwachsen, immer schon den späteren Erwachsenen im Kopf haben, weshalb sie sogar noch einen Stubenarrest als Belohnung empfinden, weil freie Zeit, aus Langeweile Papierflieger falten und im Zimmer fliegen lassen, Imaginationen, dank Minidrohnen für’s Kinderzimmer, Android und Social Media, zu fremden Begriffen werden.

Die Folgen der gelungenen Dressur à la Äppelverblödung, Mikroleicht, Gurgel und Gesichtsbuch wird sein, dass wir durchgescannte Menschen bekommen, deren Persönlichkeitsprofile und Nutzerdaten an zahlende Kunden, hauptsächlich Werbetreibende, verhökert werden, damit Amazon für die Konsumidioten schon die neuesten Nikie Designerschuhe im Lager versandbreit hält, bevor die sie dort bestellt haben, die, wen sie Glück haben, zwar unauffällig, rundgelutscht und angepasst auf Führungspositionen gelangen, die aber völlig überfordert sind, wenn sie in einer kritischen Situation mal etwas ohne Äpp entscheiden sollen, wenn sie Anderes oder Alternatives entwickeln sollen – eine Generation iPhone22, die von ihrem Spielzeug und Gesichtsbuch zu Marionetten geklont wurden. Menschen, die nichts Neues schaffen können, weil das Neue – qua Definition – nie in einem iPäd stehen kann. Ohne Gebrauchsanweisung fürs Leben stehen sie in unerwarteten Situationen dumm da, weil ihnen alle Träumerei, Phantasie und Imagination ausgetrieben wurde, bevor sie solch einen überflüssigen Luxus überhaupt entwickeln konnten.

Pedal Car - 1

Mein Fazit: Aus dieser konsum-, konsum- und nochmal konsum – dressierten Kinderkrippe wird unserem Land kein Genie mehr, kein großer Denker, kein Komponist, kein Carl Benz oder Josef Ganz und auch kaum noch Liebhaber kleiner Autos für erwachsene Männer, mehr erwachsen. Mit etwas Glück kommen bestenfalls mal ein paar CEO’s, Börsenzocker, Bankster und mehr und mehr Reichshauptstadtabschaum der moralisch doppelseitig gewendeten Bimpes – Republik, heraus.

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