Zettelkasten 19.02.2016; Rolling Junk, Pfirsische und Fastenzeit

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Meistens kaufe ich ein Buch ganz spontan, wenn mir der Titel oder der Einband gut gefällt. Rezensionen lese ich sehr selten. Bei diesem Buch, schon 1922 geschrieben und erst vor kurzem ins Deutsche übersetzt, kam alles zusammen und ich habe eine Ausnahme gemacht:

“… Da kam mir ein wilder Gedanke und entfaltete sich in seiner ganzen Pracht. “Ich ziehe mich an”, sagte ich mit gedämpfter Stimme, “dann gehen wir nach unten und steigen in unseren Wagen […] Sobald wir auf den Vordersitzen Platz genommen haben, fahren wir von hier nach Montgomery, Alabama, und essen dort Biskuits und Pfirsiche …”

F. Scott Fitzgerald, sein Meisterwerk “der große Gatsby” hatte schon meine Mutter gelesen und ich auch schon bestimmt dreimal. Diese kurze Geschichte schrieb er in Erinnerung an eine Spritztour in seinem rollenden Schrotthaufen nach Montgomery, die damals tatsächlich stattgefunden hat. Im Amerikanischen lautet der mit reichlich original Fotos des Trips von 1922 ausgestattete Titel “The Cruise of the Rolling Junk”.

16.02.20 Rolling Junk

Also, heute Morgen im kleinen Buchladen abgeholt. Schon nach den ersten 15 Seiten weiß ich, ich werde ein paar sehr erfreuliche Stunden in diesen durchweg unerfreulichen Zeiten haben, wo der Engländer seit gestern sene Siegeshymne singt “We’re going to hang out the washing on the Siegfried Line”. Ach ja, vom Fasten steht zum Glück nichts drin.

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“Wascht ihr nur eure Autos…

16.01.22 LyvTyler011863377,yclV0JryrnrrvfDuNO_NYRiSMlcozjyT5wpxP95fyX7LUiAqkAXxkJMsmuoJYNQHtGeAMcKK97fbpLbH+rGI6g==

… plus einwaxen.

Beim Thema Autowaschen denkt man(n) zwangsläufig an den Auftritt von Liv Tyler in  “Eine Nacht bei Mc Cool’s”: Ruhende Kameraführung auf nassen Leibern im Wet -T- Shirt – Look, unter der (am besten) weißen Bluse zeichnen sich die Knospen ab und in Zeitlupe umspielt der weiße Schaum das Bein. Und da das Ganze im sonnenverwöhnten Florida spielt, wurde das Kleid natürlich durch eine 90 Grad – Wäsche auf ein Minimum reduziert.

Grund genug der nahen Autowaschanlage einen Besuch abzustatten, in der Hoffnung auf Liv zu treffen, doch die Realität sieht wieder einmal anders aus….

15:15 Die richtige Zeit um zu Autowaschanlagen zu fahren: Otto-Normal-Bürger hat den Rasen auf 3 mm – Normschnitt zurechtgestutzt, die Alte verschlagen und die Bälger liegen vor dem Fernseher beim Formal 1 – Qualifying. Noch früh genug, um die Autowäsche bis zur Viererkonferenz-Schaltung der Fußball-Bundesliga um 17 Uhr zu beenden. Außerdem herrscht im nahen Penny – Markt kein Gedränge mehr, so dass ich ohne lästige Zeitverzögerungen eine 12er – Palette Ostereier (nach Ostern besonders günstig) und 6 Dosen Veltins als Fahrtbier bzw. Wegzehrung einkaufe. Außerdem lächelt mich mein Ingolstädter Pferdchen an und freut sich auf den 500 m Ausritt.

15:20 Es war zu befürchten: Box 1 bis 5 im Clean – Park sind bereits belegt. Zeit für die erste Dose Veltins, ein rotes Osterei und meine Laienkenntnisse aus der Grundlagenvorlesung ‚Grundkonzepte der Psychotherapie‘ anzuwenden:

Box 1: Walter K. (53), Opel Astra, rostbraunes Sondermodell ‚Sunshine‘ mit Schiebedach und Winterpaket mit Sitzheizung ‚Heisse Eier easy‘, MA – DE 54, Pepitahut – Träger, erinnert mit seinem Operlippenbart an das Traineroriginal Klaus Schlappner. Leichte Harnschwäche,Tendenz zu pathologischem Narzismus und Borderline-Störungen.

Box 2: Armir A. (23), Mercedes 190 aus erster Hand, weiß, F – AKE 148, in Auslage Galatasary – Fußballwimpel. In der Hutablage 200 W Crunch – Amplifier mit Pullman-Hochtönern und Canton – Tieftönern. Beschnitten wegen Vorhautverengung und Religionsgemeinschaft.

Box 3: Sybille S. (34), Ford Fiesta, Bj. 88 trotzdem fast wie neu, K – OTZ 54, im Schlepptau Jessica (17), Yasmin (13), Torben (11) und Britta (6). Das Kölner Gefährt wird geschmacklich abgerundet durch den Sticker ‚Ich bremse auch für Tiere‘ und ‚Wer Gewalt an Tieren übt, tut dies auch an Menschen!‘.

Box 4: Olaf R. (18), Golf II GTI 16 V, tornadorot, M – AUL 91. Kurzhaarschnitt. Aufkleber ‚Onkelz‘ auf der Heckklappe. In der Hutablage 300 W Crunch – Amplifier mit Pullmann-Hochtönern und Magnat – Tieftönern. Durch Chiptuning 150 kW unter der Haube.

Box 5: Reinhard R. (51), Oberstudienrat, silberfarbener BMW 3er – Touring, starke Verschmutzung des Wagens und das Gitter im Fond lässt auf Jagdschein schließen. Das ungebügelte Hemd auf die laufende Scheidung, als Folge des Verfahrens wegen Sexueller Belästigung der Schülerin Jenny E. (16).

15:22 Box 1: Walter K. beginnt mit Programmmodul ‚Hochdruckreinigung’. Zunächst werden die Scheibenwischer um 90 Grad ausgerichtet, bedächtig mit der Hochdruckpistole im Anschlag das Markstück eingeworfen, denn jede Sekunde ist kostbar. Er spürt zufrieden den Rückschlag als der Wasserstrahl einsetzt und lenkt ihn auf den Kotflügel. “Happiness is a warm gun”

15:24 In Box 2 nestelt Amir A. im Kofferraum und kurz darauf tönen die Antalya – Chart – Breaker aus den Boxen. ” ÜZGÜÜR, ÜÜZGÜÜR, hmpfhmpfhmpf”. Ein letzter Griff an den schwarzen Zweireiher, Goldkette sitzt, als auch die Pomade im Haar.

15:25 Box 4. “Seit 15 Uhrrrrr 25 wirrrrd nun zurrrückgeschossen”. Olaf schiebt die Böhsen Onkelz mit einem diabolischen Grinsen in seinen 10fach CD-Wechsler. “…LIEBER GOTT DAS MUSS DIE NEUE ONKELZ SEIN….WIR HAM’ LANGE NOCH NICHT GENUG”….”….NOCH LANGE NICHT GENUG”.

15:30 Sonnenschein, Schiebedach auf, Feuerpause in Box 2 und 4. Zeit für H-BLOCKX “….TIME OF MY LIFE…..AND THE DAYS ARE PASSING BY…I SHOULD REALIZE…qücäk,Knirsch”. Der Wackelkontakt an meinem Boxen zwingt mich zur bedingungslosen Kapitulation. Das sich ausgerechnet jetzt das “Das gibt ein Supersound, ein Supersound, glaub mir” von Markus H. beim Selbsteinbau in mein Gedächtnis schiebt…. Veltins 2, blaues Osterei

15:32 Walter K. stößt auf einzelne Widerstandsnester auf seiner Fahrzeugkarosserie, für den Tauben – Guano auf seiner Motorhaube benötigt er “Hochdruckreinigung II”, die Fliegen auf dem Stoßfänger werden im Nahkampf in 3 Minuten erledigt. “Verdammter Iwan”.

15:38 Box 4. Olaf verliert unnötige Zeit bei der Reinigung der 4.Speiche der Leichtmetallfelge hinten links.

15:45 Hierarchische Ordnung in Box 3: Jessica strahlt, Yasmin füllt das mitgebrachte Leitungswasser in den mitgebrachten Eimer, Britta reinigt mit ihren schmalen Fingern die Felgen, Torben zeigt Box 5 den Mittelfinger und Mutti holt währenddessen eine Packung Marlboro Light in der angrenzenden Tanke. Veltins 3, grünes Osterei

15:48 Box 5 geht zum Programm “Schaumwäsche” über.

15:51 Olaf telefoniert und streicht mit der Hand über seine weiße Helly – Hansen – Daunenjacke.

15:55 In Box 2 wird noch einmal die Wimpel zurechtgerückt…

15:58 Walter liegt gut im Rennen und startet als Erster das Programm “Spülung”. Ich entscheide mich vor Box 1 zu fahren. Veltins 4, braunes Osterei.

16:05 Der Astra in Box 1 strahlt wie ein jungfräulicher belgischer Kinderpopo. Ich starte den Motor, doch das Bratwurstgesicht zaubert einen Satz Winterreifen aus der Heckklappe, winkt mir zu und sagt “Isch bin glei ferdisch, nur no de Satz Winterrääfe”. Mein “Alla guud du Wichser äh ..Natürlich, kein Problem” erstickt in den Arbeitsgeräuschen der einsetzenden Nachmittagsschicht meiner Darmtätigkeit.

16:07 Ich spurte von der Tanke zum Toilettenhäuschen, in der Hand den Schlüssel mit dem riesigen Kork – Dongle.

16:10 Besser als jeder Orgasmus: die Fäkaleinlage nach 4 Ostereiern.

16:12 Irgendetwas hat sich geändert: In Box 5 steht der FIAT Panda von Claudia T. (22), S – ÜSS 79, Psychologiestudentin, 6.Semester, sitzt in ‚Ätiologie psych. Störungen’ immer in Reihe 3 und grübelt über den Unterschied von konditionierten und unkonditionierten Reaktionen. Ihr Freund Sven wollte letztens im G-Punkt das neue Siemens SL 45 kaufen.

16:15 Walter in Box 1 beginnt mit der Reinigung der Radkappen.. “Isch bin glei ferdisch” Raune im “YoYo alla guuud” entgegen. Veltins 5, blaues Osterei

16:17 Claudia wühlt in ihrer Handtasche

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16:19 Claudia, dekoltiert bis zum Bauchnabel presst ihre Möpse an mein  Beifahrerfenster und klopft: “Kannst Du mir mal einen Zehnmarkschein wechseln ….”

16:20 Stammele nach dem Genuß von 5 Bier und 5 Ostereiern “…es mir besorgen… ähh den 10 Mark – Schein wechseln? Klar!”.

16:22 In Box 5 beginnt die Hochdruckwäsche

16:25 Na endlich: Aus dem Radio tönt “SWR 3 – Sportreport. Wir haben die aktuellen Halbzeitstände der 1. Fußball –Bundesliiggaa…tststs”

17:15 “…DASS war die Viererkonferenz des Westdeutschen Rundfunks. Noch einmal zu Günther Koch im Olympiastadion” “..knirsch, alles klar in München, Ebbe Sand schießt die Knappen mit 3 Treffern an die Bundesligaspitze, zurück nach Stuttgart”…

Ich wache betäubt auf, eingequetscht im Sportsitz, überall Eierschalen und leere Bierdosen.

Starre aus dem Auto:

Box1: LEER
Box2: LEER
Box3: LEER
Box4: LEER
Box5: LEER

Als ich nach gut 2 Stunden schlaftrunken aus dem Auto stolpere, am Münzautomaten stehe und meinen Geldbeutel öffne, bemerke ich dass ich kein Kleingeld habe, sondern nur einen Zehnmarkschein……. wascht Ihr nur Eure Autos!”

Nette Geschichte, oder? Aber nicht von mir. Habe ich heute Abend beim Suchen nach einer Datei zufällig wieder entdeckt. Stand mal vor gut 15 Jahren im Satire – Magazin Zyn.

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Zettelkasten 17.12.2015; An.ek.do.de aus dem Reichshauptstadtslum

15.12.16 Kettcar

“… Wielandstraße (Charlottenburg): Hier hat ein kleiner Rennfahrer sein Kettcar (gelb-schwarz, Racing-Nr. 7) neben einem Baum an den Bügel angeschlossen. Seit vergangenem Donnerstag hängt ein Zettel vom Ordnungsamt dran mit der Aufforderung, „das Kinder-Tretauto zu entfernen“. Das graue Blech daneben (Erwachsenen-Auto) kann dagegen unbeanstandet überwintern. Ist eben nicht Neverland hier” …

Lorenz Maroldt schrub mir heute Morgen dazu: … “Neues im Fall der Charlottenburger Kettcar-Affäre (CP vom 16.12.) – Stadtrat Schulte gibt eine Erklärung ab: Das in der Wielandstraße geparkte Kindertretauto soll weg, weil sich 1) „eine Bürgerin beschwert“ hat und es 2) „auf einer Baumscheibe steht“ – wahrscheinlich hat das Umweltamt Angst, dass es aus der Ölwanne tropft” …

Nur gut, dass der kleine Rennfahrer nicht in der Halteverbotszone geparkt hat. Da wäre er längst abgeschleppt worden und die Eltern könnten das Weihnachtsgeschenkebudget gen Null sinken lassende, saftige 300 Euro berappen.

Schönes Wochenende, ach ja, und tapfer bleiben.

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