Lässigkeit des Alters

Ich hätte gerne später mal die Lässigkeit des alten Ehepaares vorgestern bei meiner bevorzugten Konditorei und gerne die Handy-Camera dabei gehabt.

Alt, wirklich alt, bleich und voller Altersflecke, beide jenseits von gut, böse und Schönheits-OP. Ziemlich tattrig, nicht wirklich viel Klang in der Stimme und erheblich gebückt. Sie nahmen jeweils ein Viertel von vier Torten, liessen es sich in ein eine wirklich grosse Tortenschachtel verpacken, bezahlten mit einem 200-Euro-Schein und zitterten über die Strasse zu einer schon gut 35 Jahre alten 450er S-Klasse in Champagnergold, ohne H-Kennzeichen.

Die Torte kam in den Kofferraum, der alte Charmeur machte seiner Frau höflich die Türe auf wie schon damals vor wahrscheinlich über 50 Jahren, als er sie  kennengelernt hatte, setzte sich dann hinters Steuer und gab sofort richtig Gas, und knallte mit einer Rücksichtslosigkeit in den Verkehr, die man nur kennt, wenn man entweder jung und dumm ist, oder nichts mehr zu verlieren hat und die meisten anderen Verkehrsteilnehmer in die Böschung rammen kann. Vorne links war die Stossstange eingedellt, rechts zeugte ein deutlicher Farbunter-schied im Lack… vielleicht hat da wirklich jemand unvorsichtigerweise auf seiner Vorfahrt bestanden.

Armer hoffnungsvoller Jungunternehmer, der seine Oldtimer vor dem Rathauscenter aufgestellt hatte, hoffend, das dorthin zum Billig-Schuhmarkt, Tiefkühlpratzenaufback-Shop und Pilsstübchen eilende Passanten, arbeitslos gewordene Banker und erziehungsgeldentgeldete Eltern, demnächst eine Pagode oder Rolls Royce von ihm “mieten” werden.

Was hilft an solchen Tagen, ist der Weg durch den Kurpark zurück nach Hause, wo in der Taunus-Therme geschwitzt und im Seedamm-Bad gebadet und wassergrutscht wird, wo die Bandscheibenfrischoperierten an Krücken ihre tägliches Bewegungspensum in der Brunnenalle absolvieren, während nebenan alte escadabekleidete Tanten aus Frankfurt aus dem Casino-Bus steigen zum Geld verzocken am 5-Euro-Mindesteinsatz-Rouletteautomaten.

Auch wenn die Wolken über uns drohen, es bleibt warm, sonnig und sicher, denn das alles lebt bislang noch von sich selbst und den alten Säcken in den S-Klassen, die aus guten Gründen so beneidenswert herrlich leben, als gäbe es kein Morgen mehr. Der Kurpark, der Taunus und der Himmel, sie alle werden immer da sein, egal wo, welches Land durch kriminelle Immobilien-Haie und Bankster diese Woche grade vor die Hunde geht, gelbe Kauf-Mich-Politiker ihrer Klientel Milliarden in den Hintern schieben und ich kann hier trotzdem immer sein und bleiben. Ausser heute Nachmittag – da muss ich zum Sparen zu einem Bekannten nach Frankfurt, weil ein Galvaniseuer ein paar Motorenteile verschlampt hat.

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