Brüder im Geiste der Steuerhinterzieher

In Groß…

Unabhängig davon, ob Herr Schäuble damals von Herrn Schreiber wissen wollte, ob jenes ominöse Geld im Umschlag nicht aus noch dubioseren Quellen stammt, und unabhängig davon ob die CD mit den  Daten deutscher, mutmaßlicher Steuerhinterzieher, wegen deren Ankauf sich die Koalition gerade so in den Haaren liegt, und auch davon ob nicht doch auch der eine oder andere Hartz-IV-Empfänger, aus Angst vor der Verarmung sein Vermögen den Genfer Bankern gab, um es den deutschen Sozialbehörden zu entziehen und jetzt auch namentlich auch auf der CD aufgeführt sein könnte, mal eine Frage:

Darf der Staat, der vor allem uns Vermögenden und Wohlsituierten gehört, unseren edelsten Sport kaputt machen? Steuerhinterziehung ist schließlich nicht nur ein Delikt der Kavaliere, sondern jenseits des schnöden Mammons und der paar Kröten für den Staat, die man auch anders vermeiden könnte, vor allem ja wohl eines: Nervenkitzel.

Wer jemals Vertreter der Autonomen Ende der 68er kennenlernte, so wie ich, jenen Brüdern im Geiste der Steuerhinterzieher, weiss auch um deren perverse Lust am Rennen, am Steinewerfen, am Tränengas und den Wasserwerfern, von denen sie sogar alle technischen Details wissen. Eine Krawalle ist nur wirklich toll, wenn die Staatsmacht mit Hundertschaften und Blaulicht anrückt und dagegen hält. Der Autonome fühlt sich nicht durch den Steinwurf mutig, sondern durch das Wissen, den Staat zu provozieren und seine Freiheit aufs Spiel zu setzen. Würde man die Autonomen einladen, ihre Krawallen auf einem Schrottplatz bei Vockerode   abzuhalten, mit kostenlosem Transfer, Freibier und Zerstöre was Du kannst, es kommen keine Bullen – es würden keine drei Mann dort mit hinfahren.

Das erbärmliche Gewinsel rechtsliberaler Politiker um etwaige Rechtsprobleme beim Ankauf der CD zeigt nur, dass sie nicht verstanden haben, wie das Spiel funktioniert: Steuerhinterziehung macht den größten Spaß, wenn man damit trotz aller Risiken als Einzelner gegen das System durchkommt, und es statt dessen den Nachbarn, “blöd wie der schon immer war”, “der hat seine Millionen niemals ehrlich verdient”, in seiner protzigen Marmorvilla zerbröselt. Steuerhinterzieher lieben die Fahnder, wenn sie ein Haus weiter fahren. Das ist der ultimative Kick.

Echte Steuerhinterzieher brauchen das. Daheim sind sie Mittelständler, Handwerker, Bank- und Firmenvorstände, Apotheker und Zahnärzte, sie müssen brave Reden halten und auf den Perserteppichen die Moral hochhalten. Immer und jederzeit. Aber dann, ob daheim beim Ausfüllen des Kassenbuches, Eingabe der Umsatzdaten oder an der Grenzkontrolle können sie noch einmal ein Mann sein, Mut beweisen, etwas wagen, eine Ahnung bekommen, wie es war, als sie noch jung, dumm und risikofreudig waren.

Ist man nämlich erst mal vermögend und gut situiert, fallen viele andere Aufregungen weg: Wie der Autonome in Kreuzberg bei Berlin fährt man unsichere Oldtimer, um dem elenden Gefühl in der neueren S-Klasse zu entgehen, dass man alles überleben würde; man kommt immer irgendwie durch, das Netzwerk hilft schon und irgendein Freund kennt sogar im schlimmsten aller Fälle jemanden, der weiß, wie man dem Finanzamt jahrelang die 15 Millionen – Beute  nicht “erklären” muss. Die ganze Welt ist dazu da, einen der zur Elite gehört, abzufedern und abzufangen, der Staat ist, von oben betrachtet, eine einzige Knautschzone mit Airbags von allen Seiten: Prima, wenn man dahinter sitzt. Davor sitzen sicher auch welche, ohne Knautschzonen, aber die wurden einem nicht vorgestellt.

Wenn Essen der Sex des Alters ist, dann ist Steuerhinterziehung in der Schweiz die wüste Krawalle des Schwarzen Blocks der reichen Alten. Typen wie Zumwinkel können nicht “Feuer und Flamme für diesen Staat” rufen,  Autos in Brand stecken oder Fenster von Banken und Behörden einwerfen; der Schwarze Block der reichen Alten kann aber um so lauter über die Transferleistungen des Staates, seine Verschwendung und vor allem über dummdreiste Massen von ALG- und Hartz4 – Empfängern  schimpfen und gleichzeitig und beruhigt wissen, dass sein Geld ja in der Schweiz sicher vor solcher Verschwendung ist.

Auch so wirft man Pflastersteine auf eine verhasste Gemeinschaft, wenn man sich physisch und intellektuell nicht mehr bücken kann.

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