Immer wieder Sonntags

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Ein Gastbeitrag von Martin Graf

In vielen amerikanischen Kleinstädten begegnet man sonntagmorgens einem vertrauten Bild. Oft beginnt es mit einem Pappschild mit der Aufschrift „Car Show“ und einem Pfeil. Wer ihm folgt, trifft nach kurzer Zeit auf Familien, ältere Ehepaare und ihre ganz besonderen Autos; meist auf irgendwelchen Gemeindewiesen oder Sportplätzen, die mit Hilfe von Farbspray, ein paar Hotdog-Ständen und einer Country-Band mal eben zum Ausstellungsgelände erklärt werden.

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Dort verbringen die Teilnehmer den Sonntag auf mehr oder weniger komfortablen Klappmöbeln neben ihrem Auto; je nach Wetter auch unter einem faltbaren Pavillion. In jedem Fall aber mit Kühltasche und Grill. Viele kennen sich seit Jahren – ein altes Auto verbindet Menschen. Auch Ehepaare auf eine besondere Weise: Solange er in der Garage ist und sie in der Küche oder im Garten, können sie sich schon nicht auf die Nerven gehen.

Die Autos haben oft wenig gemein mit dem Zustand von früher, als sie als Neuwagen durch die Vorstädte fuhren. Viele von ihnen sind heute mit ihren chromblitzenden, akkurat geputzten Vergasermotoren ohne Frage doppelt und dreimal so potent wie damals. Und auch das Optik-Tuning oder die Luftfahrwerke, mit denen man sie anheben oder flach auf die Strasse legen kann, ist manchmal atemberaubend. Damit stehen sie manchmal im krassen Gegensatz zu ihren heutigen Besitzern, die über die Jahre und Jahrzehnte viel von ihrer Kraft und Schönheit verloren haben.

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Gleich nach der Ankunft und mehr oder weniger mühsamem Rangieren auf den vorgesehen Parkplatz stellt „er“ – nennen wir ihn Bob, Jack oder Tom – das Schild vor den rechten Kotflügel, das die sowieso immer gleichen Fragen zum Fahrzeug beantworten soll. „Sie“ holt derweil die weichen Baumwolltücher und ein paar Plastikflaschen mit Reinigungsmitteln aus dem Kofferraum und beginnt, den Lack abzustauben und eventuelle Insekten zu entfernen – eine an vielen Sonntagen der Vergangenheit einstudierte Choreographie, die schon lange keiner grossen Worte mehr bedarf.

Nicht selten heisst „sie“ Dawn, Penelope oder einfach Betty. Und mit ein bisschen Phantasie und Augen-Zukneifen kann man manchmal noch ahnen, wie sie vor vielen Jahren als „girl next door“ ausgesehen hat – mit Petticoat oder Minirock und wippendem Pferdeschwanz.

Während die jüngeren Teilnehmer – also die mit Kindern, deren Häuser noch nicht bezahlt sind – sich eher auf die Alltags- und Nutzfahrzeuge früherer Jahre beschränken, die nicht allzu viel Zuwendung brauchen, sind die Autos von manchem Rentner-Paar wahre Kunstwerke – Hot Rodding in Reinkultur, dem man tausende von Arbeitsstunden und noch mehr investierte Dollars mühelos ansieht.

Daran erkennt man aber ihre auch sinnstiftende soziale Funktion. Wo es keinen Arbeitgeber und keinen Feierabend mehr gibt, strukturiert ein solches Auto die Woche: Wochentags wird es repariert, getunt und geputzt – und am Wochenende wird das Ergebnis der Bemühungen irgendwo ausgestellt. Jeder Mensch braucht schliesslich ein Ziel, eine Aufgabe und ein bißchen  Anerkennung unter seinesgleichen.

Bis bald mal wieder, Martin.

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