Analoge Trüffeln

Boah, scheiße, Wochenende, seit 3 Tagen eine Bronchitis mit einer Wucht, die einem die Rippen anknackt, und dann auch noch dieses Kackwetter. Wieder nichts mit der Goldener Oktober – Fahrt in den Rheingau. Das ist auch der einzige Grund, warum mich die Benzinpreise nicht wirklich ärgern.  

Deshalb ein wenig im Weltnetzauktionshaus rumstöbern, nach diesen alten  Blechkisten, die noch ohne ESP, ABS, computergesteuerte Einparkhilfen, die keine fahrenden Äpfel-Dockingstations sind, die nach einem simplen Batterie-wechsel keine Fehlerauslesung für 89,50 Euro in der Werkstatt brauchen, ich meine echte Autos, in denen man noch richtig den Löffel abgab, wenn man den Anbremspunkt  vor der Kurve verpasste.

Die reine Mechanik, mit Stärken und Schwächen, die wir sonst nur noch haben, wenn man zum Beispiel persönliche Briefe an Freunde auf einer auf dem Flohmarkt erbeuteten, mechanischen Erika Reiseschreibmaschine von 1941 schreibt. Dinge, die Zeiträume von über 70 Jahren mühelos überstehen, ohne Obsoleszenz von Datenträgern, Akkus und Chips. Mich fasziniert so etwas, weil es noch  da ist, weil man es noch kennt, aber auch weil es grade zu Ende geht und nie mehr kommen wird, und weil es viele Leute gibt, die es genau so wieder schätzen.

Solche Dinge sollte man geniessen, so lange es noch geht. Die Grenzen unseres Fortschrittglaubens werden uns in diesen Tagen brutal vor Augen geführt: Menschen, die mit den leeren Akkus einer fragilen  Scheinmodernität frierend und im Dunkeln sitzen und denen kein ultradünner, hochauflösender Android-Bildschirm Wärme spenden oder Bücher ersetzen kann, weil die Stromleitungen anno Edison  herabgerissen sind, und Autofahrer, die kein Benzin mehr in ihre iPods auf Rädern tanken können, weil moderne Tanksäulen nicht mehr wie noch vor 30 Jahren, zum Notbetrieb auch noch eine Handhebelpumpe eingebaut hatten. Immerhin, einiges wird übrigbleiben, und die kleine Schreibmaschine, wird auch in 50, 70 oder 80 Jahren noch funktionieren, ganz so wie diese beim Stöbern zufällig entdeckte mechanische Trüffel auf 4 Rädern:

“Es handelt sich um den letzten überlebenden MG-TD mit deutscher Sonderkarosserie von Hennefarth in Stuttgard. Der Wagen wurde von dem bekannten Vorkriegs- MG-Rennfahrer Christian Odendahl 1949 in Auftrag gegeben.Es handelte sich um das erste,verkaufte mk 2-Fahrgestell überhaupt. Im Frühjahr 1950 war der Wagen fertig. Er erhielt ein Werkstuning (eingetragene 72 PS waren 1950 eine echte Hausnummer, der erste Porsche hatte 40 PS)…”

Schönes Wochenende.

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8 Gedanken zu “Analoge Trüffeln

  1. Die Fotos von Boston Pictures hauen einem um. Besonders dann, wenn man 8 Jahre im Big Apple gearbeitet hat und fast jeden Quadratmeter von den Fotos selbst kennt.

  2. Gabi,

    Langeweile? Doch nicht mit einer ordnungsliebenden Copilotin und rechtzeitig angekommen, so einem noch druckfrischen BUCHerlebnis von Florian Illes (Autor von Generation Golf). Hab schon das erste Drittel reingesaugt. Ganz lustig z.B. auf Seite 30:

    “Franz Kafka übrigens, einer von denen mit großer Angst, wenn die Weiber sich ausziehen, hat erst einmal eine ganz andere Sorge. Ihm fällt siedendheiß etwas ein. In der Nacht vom 22. zum 23. Januar schreibt er seinen etwa zweihundersten Brief an Felice Bauer und fragt:”Kannst Du eigentlich meine Schrift lesen?”

    http://www.welt.de/kultur/article106652004/Florian-Illies-reist-ins-Jahr-1913-zurueck.html

    .

  3. @ Detlef,

    8-Zylinder-Sound für E-Mobile wird nach seiner Einführung bestimmt umgehend verboten, da dieses Geräusch in den Augen unserer omnipäsenten Tugendwächter nicht “politicial correct” ist, sondern akustisch die finsteren Zeiten hubraumstarker Spritsäufer zitiert. Und das ist dann mindestens so “incorrect” wie heute noch Worte wie “Neger” oder “Zigeuner” zu benutzen.

    E-Mobile werden also höchstens nervig piepen dürfen… ;-)

  4. Es sind wohl nur wenig Trüffelsucher unterwegs. 4009 € Höchstgebot ist lächerlich für ein solch seltenes Auto mit nachgewiesen sauberer Historie.

  5. Sehr ungewöhnlich, dass man über die Fa. Hennefarth und über diesen MG – Rennfahrer Christian Odendahl so rein garnichts im Web findet. Ich glaube, das Auto war eher ein Meisterstück eines Karosseriebauers, aonsonsten wäre es in der einschlägign Litheratur irgend wo wenigstens einmal erwähnt worden

    Jedenfalls hat es eine sehr gefällig Karosserieform, wenn man von der optisch nicht passenden Kühlermaske absieht.

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